Kai Meyer: Die Alchimistin

März 1, 2012 at 12:15 (gelesen)

Ich habe das Buch für die Februar-Challenge-Aufgabe („Lies ein Buch mit einem schwarzen Cover“) gelesen, und insofern hat das Challenge-Prinzip auch gut funktioniert – andernfalls wäre ich sicher nicht so schnell mit dem Buch fertig geworden 🙂 Dabei war „Die Alchimistin“ gar nicht schlecht. Normalerweise stehe ich mit den Büchern von Kai Meyer ein wenig auf Kriegsfuß. Dieses ist aber eines der früheren Werke. Möglicherweise sind deshalb der typische routinierte Stil sowie die offenbar bewährten Erzählschemata noch nicht so ausgeprägt. Mich hat hier die Alchimie-Thematik gereizt:

„Im düsteren Schloss ihrer Ahnen wächst Aura Institoris inmitten eines Labyrinths endloser Gänge und Säle heran. Als ihr verhasster Vater, ein Alchimist, getötet wird, verliebt sie sich ausgerechnet in seinen Mörder – den mysteriösen Gillian. Gemeinsam geraten die beiden zwischen die Fronten eines Krieges zwischen Unsterblichen, deren Hass die Jahrhunderte überdauert hat.“

Die Neuausgabe ist wirklich schön geworden: nicht nur das Cover gefällt, sondern auch das Innenleben – der Text wurde um Essays zur Entstehung des Romans, zu Alchimie in der Literatur und zum Theater Grand Guignol erweitert. Diese gehen zwar nicht allzu sehr in die Tiefe, geben aber Einblicke, die ich als gute Ergänzung empfand.

Alchimie ist immer wieder präsent, nicht nur in der Problematik der Suche nach Unsterblichkeit, sondern auch in kleinen Dingen wie Architektur und Fensterbildern des Schlosses Institoris an der Ostsee. Dieses ist wie die anderen Schauplätze – etwa die Katakomben unter Wien oder die Burg der Tempelritter – gut gewählt und stimmungsvoll umgesetzt. Die generelle Atmosphäre ist ziemlich düster und nimmt teilweise Anleihen bei Schauergeschichten. Die Charaktere waren mir tatsächlich alle mehr oder weniger unsympathisch, was ja kein Nachteil ist, sondern in diesem Fall die Sache interessant macht. Sie sind überwiegend geistig etwas angeschlagen und schrullig bis obsessiv – da sind etwa Protagonistin Aura, die sich aus Trotz zahlreiche Ringe in die Oberschenkel rammt, Charlotte mit ihrem ausgeprägten Muschel-Tick oder Nestor Institoris, der seinen geheimnisvollen Dachgarten nie verläßt. Bei Architektur wie Charakteren meine ich Gormenghast-Einflüsse zu bemerken 🙂

Der Plot, der letztlich eine Familiensaga ist, wird zunehmend verflochten und komplex. Auch das ist an sich eine gute Sache, aber gegen Ende war es mir fast ein wenig zu viel mit all den Inzesten und Verwandtschaften. Generell bleibt der Eindruck, daß Meyer vielleicht etwas zu viele unterschiedliche Elemente einzubauen versuchte. Eine ganze Weile hat das gut funktioniert, als dann aber die letzten Puzzlestückchen zusammengesetzt wurden, wurde es langsam etwas abstrus und subjektiv ermüdend.

Alles in allem habe ich zu „Die Alchimistin“ eher einen Zugang gefunden als zu einigen anderen Büchern des Autors. Es schien mir weniger gefällig und standardisiert, wobei einige seiner Trilogien wohl wirklich passender für Kinder sind (ist mir besonders bei der Wellenläufer-Trilogie aufgefallen, bei der ich aber nur wenig mehr als den ersten Band geschafft habe). Die ursprüngliche Geschichte wird nun ebenfalls noch zu einer Trilogie ausgebaut, deren dritter Teil diesen Monat erscheint – mal sehen, ob die späte Ergänzung der Sache gut tut oder nicht…

„Der Mörder trug eine schwarze Hose und ein altmodisches schwarzes Rüschenhemd. Christopher konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er hörte doch, wie der Fremde dem sterbenden Nestor etwas zuflüsterte:

‚Eine Botschaft von Lysander.‘ Seine Stimme klang eigentümlich sanft. ‚Der Seemann hat ein neues Rad.‘

Nestors Augen wurden weit, noch einmal griffen seine Hände ins Leere.“

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12 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Ich habe von „Die Alchimistin“ nur mal eine – anscheinend deutlich – gekürzte Hörbuchfassung in die Finger bekommen und war da von der Geschichte nicht so begeistert. Aber atmosphärische Örtlichkeiten und eigenartige (und nicht so sympathische) Figuren ist auch der Eindruck, der bei mir hängengeblieben ist. 😉

  2. Kiya said,

    Weißt du noch, was dich gestört hat? Aber Kürzungen sind immer schwierig, deshalb versuche ich gekürzte Hörbücher zu vermeiden. In der neuen Fassung hat „Die Alchimistin“ immerhin über 500 Seiten – ein Blick in Band 2 zeigt mir aber, daß man sich dort wieder mal des bewährten Mittels bedient, in der Fortsetzung heimlich die Schriftgröße etwas zu erhöhen 😦

    Ein paar Aspekte sind aber definitiv drin, die merkwürdig bis störend sind – vor allem eben gegen Ende 😉

  3. Winterkatze said,

    Ich versuche mal mich zu erinneren, aber durch die Kürzungen ist es wirklich schwierig. Vor allem, da beim Hören ganz deutlich erkennbar war, dass relevante Szenen gekürzt wurden – zumindest gehe ich davon aus, dass Kai Meyer in seinem Buch die Entwicklung der Figuren etwas stimmiger und weniger sprunghaft aufgebaut hat. 😉

    Aber bei gerade mal vier CDs für „Die Alchimistin“ (und vier weiteren CDs für „Die Unsterbliche“) kannst du dir vorstellen, dass da nicht viel von dem Wälzer übrig geblieben ist.

    Bei Aura zum Beispiel gab es eine Stelle, da konnte ich nicht nachvollziehen, wie sie – nachdem sie vor kurzem noch unsterblich in Daniel verliebt war – mit einem anderen Mann ins Bett gehen konnte. Außerdem kam bei mir das Gefühl auf, dass eine Menge Nebencharaktere als „überflüssiges“ Material betrachtet und innerhalb kürzester Zeit zum Tode verurteilt waren und das Ende der Geschichte erschien mir insgesamt etwas überfrachtet mit Personen und Erklärungen. Aber da kann die Erinnerung auch täuschen … 😉

  4. Kiya said,

    Im Buch gibt es etwa mittig einen Sprung von sieben Jahren – ich könnte mir vorstellen, daß dieser Übergang im Hörbuch nicht so geglückt ist? Einige Entwicklungen sind aber wohl tatsächlich etwas sprunghaft.

    Gerade weil aber ziemlich viel passiert, kann ich mir vorstellen, daß einige Stränge im Hörbuch gekürzt wurden. Darunter haben bestimmt besonders Nebencharaktere gelitten.

    Zwischendurch war ich doch ganz schön überrascht, wie die Inzestthematik ausgewalzt wurde, bis es ziemlich bestimmend wurde. Auch Dinge wie besagte Bettszene waren mal eine ungewöhnliche Herangehensweise 😉

    Aura soll ja in der Arkadien-Reihe auch einen Auftritt haben. Deren ersten Teil habe ich noch aus der Bibliothek da, insofern werde ich beim Lesen nach ihr Ausschau halten.

    • Winterkatze said,

      Ne, der Sprung liegt zwischen der zweiten und dritten CD und wird auch beim Hörbuch deutlich. Aber die Kürzungen waren wohl wirklich gewaltig …

      Hm, in Band 1 und 2 der Arkadien-Romane habe ich Aura nicht wiedergefunden, vielleicht ist sie in Band 3 – oder ich habe sie übersehen. 😉

  5. Kiya said,

    Wie gefällt dir denn Arkadien? Ich hab jetzt so die ersten 100 Seiten geschafft und bisher ist es ganz in Ordnung. „Die Alchimistin“ liegt mir vermutlich mehr (in einem der Essays wird übrigens die charakterliche Ähnlichkeit zwischen Rosa und Aura betont).

    Irritierend ist für mich bisher bei Arkadien, wie die ganzen Mafia-Klischees aufs Tapet gebracht werden, obwohl sie als solche entlarvt und auch ab und zu benannt werden. Spannend ist es allerdings schon.

    • Winterkatze said,

      Ich fand die beiden Arkadien-Bücher nett zu lesen. An manchen Stellen erfrischend anders, an anderen sehr typisch für Kai Meyer. Insgesamt bin ich jetzt aber nicht so davon angefixt, dass ich mir die Bücher kaufen oder den dritten Band jetzt sofort in der Bibliothek vorbestellen müsste.

      Ich kann mir mit dem Ende der Geschichte Zeit lassen und wenn ich es niemals erfahre, dann ist es auch kein Verlust für mich. 😉

      Lustigerweise genieße ich es viel mehr zuzuhören, wenn sich Kai Meyer und Andreas Fröhlich (der die Hörbücher spricht) über die Bücher unterhalten als die Roman zu lesen …

  6. Natira said,

    Ich habe hier bei mir noch die alte ausgabe der alchimistin stehen. Es ist allerdings mal wieder jahre her, dass ich dieses buch gelesen habe. Ich muss doch einen noochmal-lesen-stapel anlegen und ihn dann auch „abarbeiten“ 🙂 Allerdings wuerde ich dann aber wohl die ueberarbeitete version lesen…
    Ich fand aura sehr seltsam, mochte aber die stimmung im buch. Wenn ich mich recht erinnere, hatte mich die unsterbliche dann im vgl. zur alchimistin enttaeuscht.

  7. Kiya said,

    Ich bin erst durch die überarbeitete Version so richtig darauf aufmerksam geworden 🙂

    „Die Unsterbliche“ habe ich mir mit dem Gedanken „schlimmstenfalls liest du die Essays und es sieht gut aus im Regal“ zeitnah mitgekauft – ich hoffe nach dem was du geschrieben hast trotzdem, daß dieser zweite Teil kein allzu großer Reinfall wird… Er ist offenbar deutlich später erschienen als „Die Alchimistin“ – das heißt, der von mir ungeliebte Kai Meyer-Stil könnte sich hier bereits eingestellt haben *hm*

    • natira said,

      Ich habe mir gerade mal meine Ausgabe geholt, ich habe sie damals 1999 erstmals gelesen 😀
      Die Unsterbliche hatte mir eine Freundin geliehen – gekauft habe ich mir das Buch selbst nicht. Sie ist doch aber jetzt auch überarbeitet worden, oder?

  8. Kiya said,

    Ich glaube, 1999 war ich noch in meiner Horrorphase und habe Fantasy gar nicht gekannt/gelesen 😉

    Ja, auch „Die Unsterbliche“ ist überarbeitet worden – wie gesagt sehr schön geworden (in diesem Teil dann Essays wieder zur Entstehung des Romans sowie zu Fulcanelli und zum Hörspiel, also nicht ganz so interessant wie bei Teil 1). Ich denke, man hat anläßlich des anstehenden dritten Teils überarbeitet, damit die Bände dann einheitlich aussehen.

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