Es muß nicht immer Reclam sein…

Juni 6, 2012 at 19:17 (gedacht)

Welchen Verlag für deutsche Klassiker?

Ich habe Literaturwissenschaft studiert und folglich immer wieder Klassiker der deutschen Literatur gekauft. Die meisten Schüler und Studenten greifen bei ihrer Wahl auf den Reclam-Verlag zurück, dessen Universalbibliothek noch immer im Ruf steht, besonders preiswert zu sein, und assoziieren die handlichen gelben Ausgaben teils noch Jahre später mit „lesen-müssen“. Ich habe mittlerweile selbst eine recht große Sammlung der kleinen Hefte (überwiegend gelb, wahlweise aber auch orange, rot, grün oder blau…), habe aber festgestellt, daß Reclam gar nicht immer die günstigste Kaufalternative darstellt. Texte, die mir gut gefallen haben, hätte ich inzwischen außerdem gerne in schöneren Ausgaben.

Es gibt  zahlreiche Klassikerausgaben, die eigentlich für jedes Bedürfnis das Passende bieten – ob es nun das möglichst billige Heft für die Pflichtlektüre, die Liebhaberausgabe oder das Ledergebunden-mit-Goldschnitt-Protzstück für’s Wohnzimmer sein soll.

Was schön bzw. zweckdienlich ist, liegt nun im Auge des Betrachters, aber ich finde die große Auswahl sehr positiv und meine, man kann sich du unterschiedlichen Ausgaben ruhig mal ansehen und dann entscheiden, ohne immer gleich wie ferngesteuert zum gelben Regal im Buchladen zu rennen 😉

Viel Auswahl…

Vorteil der Reclam-Ausgaben ist neben dem Preis, daß man sie ohne Schaden überall mitschleppen kann, außerdem natürlich das breite Angebot; auch auf die Qualität der Übersetzungen kann man sich üblicherweise verlassen. Nachteilig sind unter Umständen kleine Schrift, geringer Zeilenabstand und schmaler Rand – nichts für kommentierfreudige Leser und wenig lesefreundlich bei komplizierten Texten. Meine Ausgabe von Aristoteles‘ Rhetorik beispielsweise ist schlecht gegliedert, der Text dichtgedrängt, was die Lesbarkeit erschwert.

Wer wenig Geld ausgeben will, scheint mir mit Reclam immer schlechter bedient – die Preise der Neuerscheinungen sind in Anbetracht der einfachen Aufmachung gesalzen (gerade erhielt ich den Newsletter: z.B. „Texte zur Ethik“, 415 S., € 12,80; „Die Vorsokratiker“, 799 S., € 19,80).

Auch aus der Schulzeit kenne ich die Hamburger Lesehefte – günstiger kann man Klassiker wohl nicht haben, dafür sind die Hefte optisch wirklich wenig ansprechend (ich habe noch drei im Regal…).

Der Deutsche Klassiker Verlag hat ein sehr ausgewähltes Programm. Ich habe auf die etwas teurere Ausgabe von Faust I und II zurückgegriffen, die ich hervorragend fand – ein Band Text, ein Band Kommentar mit allem, was das Herz begehrt.

Teuer, aber sehr hochwertig, sind die Bücher von Manesse – hier ist auch die Auswahl sehr interessant. Viele Klassiker sind als kleinformatige Hardcover in der „Bibliothek der Weltliteratur“ erschienen. Noch teurer und an Mitgliedschaft gebunden ist die Büchergilde, die von ausgewählten Klassikern besonders bibliophile Varianten anbietet.

Weniger gängig sind die Ausgaben des Anaconda Verlags aus der Reihe Kleine Klassiker für € 2,95 (trotzdem ungekürzt). Für Schüler ideal ist eigentlich die Suhrkamp BasisBibliothek, deren Bücher zahlreiche Materialien und Lektürehilfen beinhalten.

Bei Shakespeare sind mir zweisprachige Ausgaben wichtig, hier habe ich mich für dtv entschieden (die Schlegel-Übersetzung finde ich gräßlich). Die Shakespeare-Reihe enthält ausführliche Anmerkungen und Essays.

Neu für mich entdeckt habe ich die Fischer Klassik-Ausgaben, die sich im mittleren Preissegment bewegen, (subjektiv) sehr ansprechende Cover haben und den Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon beinhalten. Wer Wert auf gute Übersetzungen legt, muß vergleichen, denn Fischer nutzt oft ältere, gemeinfreie Übersetzungen, z.B. bei der Odyssee die Voß-Übersetzung (mir gefällt sie ja, aber mancher bevorzugt eine modernere Übersetzung) – das wird natürlich generell gerne gemacht, wenn das Buch günstig bleiben soll. Im Preis ähnlich gelagert sind die Ausgaben des Insel Verlags.

Ein nichtrepräsentativer Vergleich deutscher Ausgaben von Shakespeares „Romeo und Julia“ (Angaben zur Ausstattung, soweit ich welche gefunden habe):

    

 

Hamburger Lesehefte – € 1,60 (Nachwort, Anmerkungen)

Anaconda – € 2,95 (gebunden, Übers.: Schlegel)

Suhrkamp BasisBibliothek – € 6,00 (Materialien, Kommentar, Literaturhinweise, Wort- und Sacherläuterungen)

Reclam – € 2,60 (Übers.: Schlegel) / € 6,60 (zweisprachig, Übers.:  Geisen, Anmerkungen und Nachwort) – inzwischen 7,80 €, Stand 06/13

Fischer Klassik – € 8,00 (Doppelband Romeo und Julia/Othello, Daten zu Leben und Werk, Beiträge aus Kindlers Literatur Lexikon, Übers.: Schlegel)

dtv – € 9,90 (zweisprachig, Essay, Anmerkungen, Übers.: Günther)

Diogenes – € 9,90 (beinhaltet Romeo und Julia/Hamlet/Othello, Übers.: Schlegel)

Wer mehr weiß, möge gerne ergänzend kommentieren 🙂

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13 Kommentare

  1. nebelmade said,

    Ein Verlag, der sicher auch gemeinfreie Übersetzungen nutzt und daher sehr unterschiedliche Preislevel für Klassiker unterschiedlichester Fachgebiete bietet (ich bin bei Livius – auch aus poststudentischem Fachinteresse – darauf gestoßen), ist der marix-Verlag. Romeo und Julia hatten sie nicht, aber ab und an lohnt sich auch ein Blick. Die Bücher, die mir bis jetzt untergekommen sind (Livius tatsächlich im thalia-gekaperten Haus der Buches, diverse andere Römische Klassiker auf der Buchmesse), haben meist eine feste Bindung und sind ansprechend gedruckt und gestaltet.

  2. Kiya said,

    marix kannte ich noch gar nicht 🙂 Scheint, als ob sie vor allem diverse geisteswissenschaftliche Veröffentlichungen haben, aber Klassiker gibt’s auch einige. Gut zu wissen!

  3. nebelmade said,

    Kann gut sein, dass es ein relativ neues Verlagshaus ist, ich kannte es vor einem halben Jahr auch nicht. Für Philosophisches müsste es eine geeignete Quelle sein.

  4. Kiya said,

    Hab auch viel chinesische Philosophie gesehen (irgendwann lese ich den Sun Tsu bestimmt mal ;-)), aber vielleicht war das Zufall.

  5. nebelmade said,

    Da hab ich noch nicht so genau geschaut….
    In der BTU gibt es übrigens gleich am Eingang ein Fischer-Klassik-Regal, also wenn du mal in der Gegend sein solltest…

  6. Kiya said,

    Vielen Dank 🙂 Kommt ja von Zeit zu Zeit vor, daß mich der Bus daran vorbeiführt… Die Lücke habe ich vorerst mit Tiecks Gestiefeltem Kater/Phantasus und Montaignes Essais gefüllt (von ersterem die Reclam-Ausgaben aber noch behalten, weil sehr ausführliches Nachwort enthalten).

  7. nebelmade said,

    Oh, Montaigne! Der steht auch noch auf meiner Liste. Obwohl ich sicher zuerst Madame des Stael lesen werde (im Anschluss an den „German Genius“, den ich nunmehr durchhabe) – muss mal schaun, ob es da auch eien Fischer-Band gibt, ist ja schließlich auch ein Klassiker. 😉
    (Fand dort übrigens unseren letzten Punkt bestätigt in der Diskussion Universalgeschichte/Soziologie, dass sich das doch sehr überschneidet. Die Idee mit dem Über-Kreuz-Studium erscheint, je länger man drüber nachdenkt, umso erkenntnisbringender…)

  8. Kiya said,

    Ich glaube, da gibt es nichts. Montaigne ist auch nur eine Auswahl, der günstigere Anaconda-Band hat doppelt so viele Seiten, aber vorerst reicht mir meine Ausgabe 🙂

    Ich überlege zurzeit auch (erneut), mir mal unverbindlich das Einsteiger-Modul für Geschichte von der FU zu bestellen… Du kannst ja mal in Richtung Gesellschaftstheorie schauen, aber Norbert Elias fällt mir als erstes ein.

  9. nebelmade said,

    Dann ist er schonmal vorgemerkt. Wobei Weber und Simmel nactürlich auch irgendwann noch sein müssen… (und ich glaube noch jemand, aber der fällt mir grade nicht ein.)

  10. Kiya said,

    Ich mag auch noch Foucault ziemlich gerne, vielleicht ist der auch was? Bourdieu hab ich noch halbwegs ungelesen, ist aber wohl eher nicht so geschichtlich orientiert.

  11. nebelmade said,

    Foucault is mir tatsächlich in einem Buch über die griechische Kultur der politischen Beleidigung und des Essens 😉 begegnet, und bereits da (also so ungefähr 10 Jahre her *seufz*) hab ich entschieden, dass er mal sein muss. 😉

  12. Kiya said,

    Foucault gibt’s in ansprechenden suhrkamp-Ausgaben wie die meisten Soziologen (und Luhmann ja auch).
    „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ finde ich sehr interessant 🙂 Erinnert mich aber daran, daß ich auch noch den Bestand ausbauen wollte – mit „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Analytik der Macht“.

  13. nebelmade said,

    Oh, gut. Ich mag Suhrkamp. Muss nur noch überlegen, wie ich meine Bücher im Regal umbau. 😉 Denn das doppelt gereihte Fach Soziologie/Geschichte is nu leider voll. *grmpf*

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