Neal Stephenson: Diamond Age ~ Die Grenzwelt

August 1, 2016 at 20:04 (gelesen)

Wenigstens ein Buch vom Sommerstapel wollte ich im lesearmen Juli abschließen. Das Buch sieht so unscheinbar aus, hat aber doch knapp 600 Seiten, sodaß ich es erst am letzten Tag des Monats beendet habe. Ich habe verschiedene Bücher von Stephenson – „Diamond Age ~ Die Grenzwelt“ ist eines der früheren, von 1996.

Jahrzehnte in der Zukunft, im diamantenen Zeitalter. Der geniale Nanotechniker John Percival Hackworth erhält den Auftrag, die „Illustrierte Fibel für die junge Dame“ zu entwickeln, ein Supercomputer in Form eines Nanobuchs, mit dem ein mächtiger Großindustrieller seine Enkeltochter erziehen möchte – ein Buch, das Mutter, Kindermädchen, Kindergarten und Schule ersetzen und das Mädchen zur Rebellin – zwecks Verbesserung der Welt im Sinne der herrschenden Klasse! – erziehen erziehen soll. Als Hackworth eine illegale Kopie der Fibel meistbietend an die Chinesen verscherbeln will, fällt diese Nell, einem kleinen Mädchen aus der Unterschicht von Shanghai, in die Hände. Als sich Nell in das in der „Fibel“ verborgene Informationsnetzwerk einloggt, beginnt sich nicht nur ihr Leben für immer zu verändern…

Ich wollte „Diamond Age“ nicht nur wegen des Autors, sondern auch wegen der neoviktorianischen Gesellschaft in Verbindung mit Nanotechnologie lesen.

Im Zentrum steht das Mädchen Nell, die zu Beginn ein kleines Mädchen und am Ende des Buches herangewachsen ist. Ihr Bruder Harv bringt ihr eines Tages ein Buch mit – ein hochwertig gestaltetes Buch, etwas Besonderes in einer Welt, in der man alle alltäglichen Gegenstände aus dem Materie Compiler ziehen kann und die Neoviktorianer viel Geld für die raren handgemachten Dinge bezahlen. Die komplexe, interaktive Geschichte der Fibel dient erzieherischen Zwecken, und die fast märchenhaften Ausschnitte daraus haben „Diamond Age“ eine für einen Science Fiction-Roman ungewöhnliche Atmosphäre verliehen.

Nell lernt stets, was sie gerade braucht. Anfangs sind das Dinge wie Lesen und Selbstverteidigung. Später wird Nell von ihrer Fibel vor komplexe logische Herausforderungen gestellt, wobei ich am Schloß Turing meinen Spaß hatte. Es lohnt sich, wenn man als Leser ein wenig Hintergrundwissen zu solchen Themen mitbringt.

Wenn man nicht Nell oder Harv begleitet, kann man unter anderem den Perspektiven des Nanontechnikers Hackworth oder der Raktrice Miranda folgen. Zwischendurch gibt es immer wieder Szenen, die zwar mit der Haupthandlung verflochten sind, aber vor allem auch die verschiedenen Aspekte der Gesellschaft zeigen. Sehr schön fand ich den Einfluß des Konfuzianismus; der beteiligte Richter hat mich immer ein wenig an Richter Di denken lassen :-)

Gegen Ende gab es einige eher metaphysisch-psychedelische Szenen, in denen die sogenannten Trommler eine Rolle spielen. Wie das alles mit dem kollektiven Bewußtsein der Asiaten zusammenhängt, ist dann aber doch wieder recht interessant, auch wenn ich den letzten Kapiteln mit etwas gemischten Gefühlen gegenüberstehe.

Neal Stephenson hat jedenfalls in „Diamond Age“ eine originelle, faszinierende und vielfältige Welt geschaffen (schon deshalb ist das Buch lesenswert), die sich wie Retro-Science Fiction anfühlt und wohl gemeinhin in die Cyberpunk-Ecke geschoben wird. Hat mir mit nur kleineren Abstrichen sehr gut gefallen.

„‚Es war einmal‘, sagte eine Frauenstimme, ‚ein kleines Mädchen namens Elizabeth, das gerne im Garten ihres Großvaters in der Laube saß und Märchen las.‘ Die Stimme klang leise, nur für sie bestimmt, mit einem extravaganten viktorianischen Akzent. Nell schlug das Buch zu und stieß es weg. Es rutschte über den Bode und blieb vor dem Sofa liegen.“

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11 Kommentare

  1. Kathrin said,

    Das klingt wirklich verdammt genial :D
    Ich habe bisher noch nie etwas von Neal Stephenson gelesen, aber „Anathem“ steht hier seit Jahren – damals zogen mich auch die außergewöhnliche Story und der ungewöhnliche Aufbau des Buches magisch an. Dein Beitrag weckt nun erneut genau diese Faszination über ein noch nicht gelesenes Buch von ihm. „Diamond Age“ kommt auf die Wunschliste und ich hoffe, dass ich endlich mal eines von Stephensons Büchern auch lesen werde… ;)

  2. Kiya said,

    Mir ging es ja ganz genauso – ich hatte nichts von ihm gelesen, weil die Bücher, man muß es ja zugeben, geradezu abschreckend dick sind, selbst wenn man Wälzer mag. Deshalb habe ich mir das dünnste auf den Sommerlesestapel gepackt, das hat geholfen ;-)

    „Amalthea“ habe ich noch nicht, weil ich immer auf die Taschenbücher warte. Mit der Barock-Trilogie, Cryptonomicon (bereits angefangen – immerhin), „Error“ und „Anathem“ bin ich aber vermutlich auch voll ausgelastet…

    Ich wünsche dir jetzt schon viel Spaß, wenn du mit Stephenson anfängst; ich habe auch die Vermutung, daß seine Bücher sich recht verschieden lesen.

    • Kathrin said,

      Vielleicht sollte ich wirklich auch mit dem „schlankesten“ Buch anfangen, um einen Einstieg zu haben. Denn du hast Recht: Der gewaltige Seitenumfang schreckt in der Kombination mit der geschaffen Welt und dem ungewöhnlichen Buchauswahl selbst mich ab, die gerne auch mal 600-1000 Seiten liest.

      • Kiya said,

        Leider entgehen einem gerade durch diese abschreckende Wirkung so einige tolle Leseerfahrungen, fürchte ich – jedenfalls könnte ich die ungelesenen ähnlichformatigen Wälzer hier problemlos bis zur Decke stapeln ;-)

  3. Rissa said,

    Das Buch steht bei meinem Freund noch im SuB. Vielleicht motiviert es ihn ja, wenn er eine solch positive Rezi liest, sich das Buch jetzt doch langsam mal vorzunehmen… Das Cryptonomicon hat ihm schließlich auch gefallen.

    • Kiya said,

      Wer weiß – aber ein wenig Zeit muß man für Stephenson auch immer mitbringen, für manche ist der Sommer dafür nicht der passende Zeitpunkt ;-)

  4. Winterkatze said,

    Das klingt spannend. Ich glaube, ich schau mir das Buch in der Bibliothek mal an (wenn ich wieder mehr Lust auf zeitraubende Lektüre habe).

    • Kiya said,

      Eigentlich liest es sich gut weg, ist nicht kompliziert geschrieben oder ähnliches. Aber in überschaubarer Zeit für knapp 600 Seiten am Ball zu bleiben, ist für mich momentan tatsächlich eine Herausforderung ;-) Wenn du es dir anschaust, bin ich jedenfalls auf deine Meinung gespannt!

      • Winterkatze said,

        Bei Bibliotheksausleihen bekomme ich das zügige Lesen ja in der Regel ganz gut hin. Aber ich habe gerade relativ wenig Lust auf umfangreiche Bücher. Der dritte „School for Good and Evil“-Band liegt auch schon seit zwei Wochen hier rum, weil ich keine Ruhe habe um wieder in die Welt zu finden. Aber irgendwann werde ich „Diamond Age“ (hoffentlich) von der Bibliotheksliste befreien und mal ausleihen.

  5. Kiya said,

    Der dritte „School for Good and Evil“ ist aber auch ganz schön wuchtig – als der kam, habe ich ziemlich große Augen gemacht. Ich stecke noch im zweiten Teil :-)

  6. [Die Sonntagsleserin] August 2016 | Phantásienreisen said,

    […] Age“ – und könnte damit mein Einstieg in die Stephenson-Welten sein, denn die Besprechung bei kiyaliest hat mich unglaublich neugierig auf diese außergewöhnliche Geschichte gemacht, die […]

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