Fink/Cranor: Welcome to Night Vale

Mai 19, 2016 at 08:01 (gelesen)

Den folgenden Text hat mein Freund geschrieben, der seine Meinung gerne teilen wollte. Ich selbst habe „Night Vale“ noch nicht gelesen – eigentlich will ich erst mal den Podcast hören…

„Welcome to Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor basiert auf der gleichnamigen erfolgreichen Podcast-Reihe, die seit 2012 zweimal im Monat erscheint und kostenlos auf der gleichnamigen Seite angehört werden kann.

Diese Rezension bezieht sich auf das englische Hardcover von Oktober 2015, die deutsche Ausgabe ist in diesem Jahr erschienen und scheint seitdem die Gemüter zu spalten, dazu später mehr.

Die Aufmachung gleicht der des Podcasts, so findet man auf dem Cover die bekannten Elemente wie den Sendeturm des Night Vale Community Radios, das Auge mit der Mondsichel und verschiedene Lilatöne. Auf 400 Seiten finden sich die für Night Vale typischen Absonderlichkeiten in einem sehr großzügigen Layout, wobei die eingestreuten Texte der Radiosendungen eine andere Schriftart aufweisen. Warum jetzt bereits zum zweiten Mal der ortsansässige Radiosender erwähnt wird? Ganz einfach, der Podcast ist im Stil eines kleinstädtischen Radiosenders gehalten und der Moderator Cecil berichtet von den zahlreichen Absonderlichkeiten, die in und um Night Vale so passieren. Und davon gibt es eine Menge.

Die kleine Wüstenstadt kann mit allem aufwarten, was Verschwörungstheorien, Drogeneskapaden und Lovecraft’sche Inspirationen bieten können. So gibt es die Secret Police, die Überwachungsgeräte in jeder Wohnung und Hubschrauber über der Stadt hat, es gibt die „vague but menacing government agency“, die ebenso jeden einzelnen Bürger überwacht, es gibt Dimensionstore, zeitliche Verschiebungen („time doesn’t work in Night Vale“), fühlende Wälder und eine leuchtende, gedankenkontrollierende Wolke, die Tierkadaver regnen lassen kann, inzwischen aber der Vorsitzende des School Board ist (ALL HAIL THE CLOW CLOUD!).

Allein an dieser kurzen Aufzählung merkt man, dass Night Vale eben nicht die typische amerikanische Kleinstadt ist, ihre Bewohner sind es definitiv nicht, aber sie nehmen die ganzen Absonderlichkeiten hin und leben mehr oder weniger gut damit.

Nun also gibt es den Roman aus dieser Stadt, wobei Radiomoderator Cecil natürlich auch immer mal wieder eine Rolle spielt. Der Fokus liegt jedoch auf den beiden Frauen Jackie Fierro und Diane Crayton. Jackie betreibt die örtliche Pfandleihe, wobei natürlich auch diese Art von Geschäft in Night Vale etwas… ungewöhnlicher funktioniert als man es gewohnt ist. Wie lange sie das schon macht, weiß sie selbst nicht so genau, denn sie ist schon seit Jahrzehnten 19 Jahre alt.

Diane ist im Elternrat der Schule und arbeitet in einer Firma, bei der niemand so richtig weiß, was sie eigentlich macht. Sie übrigens auch nicht. Ihr Sohn Josh kann seine Gestalt ändern und nimmt immer mal wieder sehr ungewöhnliche Formen an. Aber in einer Stadt, in der ein elfjähriges Mädchen vor drei Jahren als Hand eines erwachsenen Mannes geboren wurde, ist das wohl kein großer Aufreger.

Beide stoßen auf den „man in a tan jacket, carrying a deerskin suitcase“, der auf mysteriöse Weise sowohl mit der Stadt King City als auch Joshs Vater in Verbindung steht. Die Frauen machen sich daran, das Geheimnis zu lüften und stolpern dabei natürlich von einer Seltsamkeit in die nächste. Nun ja, zumindest seltsam für den normalen Leser, für die Bewohner Night Vales ist unsichtbarer Kuchen ja etwas Alltägliches und die Gefährlichkeit von Büchern und Bibliothekaren jedem bekannt.

Mehr will und kann ich an dieser Stelle nicht verraten. Einerseits sollte man Night Vale mit all seinen Seltsamkeiten selbst erkunden, andererseits besteht die Handlung aus nicht viel mehr als den Seltsamkeiten des Städtchens und denen, die im Laufe der Suche nach King City eben so passieren. Der Plot ist dahingehend also eher dünn, bietet aber für Kenner des Podcasts jede Menge alter Bekannter und neuer Enthüllungen. So wird erstmals die angesprochene Bibliothek betreten und man erfährt, wie es darin aussieht.

Dennoch funktioniert das Buch (wie auch der Podcast und die immer mal wieder stattfindenden weltweiten Live-Events) auch prima, ohne dass man die Vorgeschichte oder die auftretenden Figuren kennt. Zwar weiß man als Kenner der Serie, wer Steve Carlsberg ist und was er sonst so tut oder getan hat, für die Handlung des Buches spielt das jedoch überhaupt keine Rolle. Auch dass Bibliotheken und die darin hausenden Bibliothekare gefährlich sind, erfährt man im Buch. Als Hörer könnte man höchstens noch wissen, dass Tamika Flynn die einzige war, die bislang einen Bibliothekar töten konnte, aber das macht für das Buch keinen Unterschied.

Ich habe bislang in einigen Rezensionen lesen können, dass das Buch nur für Kenner der Serie sei und muss dem widersprechen. Als Hörer weiß man oft auch nicht mehr. Vielleicht weiß man etwas Zusätzliches, aber ansonsten wird von den Autoren stets darauf geachtet, dass auch Neueinsteiger damit zurechtkommen. Man muss sich sicherlich darauf einlassen, aber wo muss man das nicht?

Ganz im Gegenteil, werden doch im Buch zwei große Geheimnisse gelüftet. Zum einen der Bibliotheksbesuch und zum anderen die Identität des „man in a tan jacket“.

Der Schreibstil entspricht dabei dem des Podcasts, was einerseits gleich für ein typisches Night Vale Gefühl sorgt, andererseits jedoch in Buchform und ohne Cecils Stimme nicht so gut funktioniert, zu ermüdend ist er auf Dauer, so dass es schwerfällt, mehrere Kapitel hintereinander zu lesen. Während ich den Podcast, mittlerweile über 80 Folgen, quasi an einem Stück gehört habe, fiel es mir beim Lesen schwer, diesem Stil zu folgen. Das Hörbuch wäre da an dieser Stelle vielleicht besser geeignet, zumal es auch von Cecil gelesen wurde. Das erste Kapitel kann man sich hier anhören.

Wer also den Podcast kennt und mag, der wird um das Buch nicht herumkommen, das sich dabei zwischen die Folgen 75 und 76 einordnet.

Wer skurrile Gestalten und seltsame Geschichten mag, bei denen nichts so ist wie man es kennt oder vermutet, dem sei zumindest ein Blick empfohlen, allerdings ist der Schreibstil eben sehr gewöhnungsbedürftig. Wer sich darauf einlässt, kann aber eine wunderbare Welt voller schillernder Seltsamkeiten entdecken, deren Häufigkeit manchmal jedoch übertrieben wirken kann.

Dazu abschließend noch zwei Beispiele, bevor ich mich mit einem „Goodnight, Night Vale. Good Night“ verabschiede.

„Imagine a fifteen-year-oldboy. No. Again. No. Not close. He has fingers that move like they have no bones. He has eyes that move like he has nopatience. He has a tongue that changes shape every day. He has a face that changes shape every day. He has a skeletal structure and coloring and hair that change every day. He seems different than you remember. He is always unlike he was before.“

„And now it’s time for the Childrens’ Fun Fact Science Corner. Here is what we know about sand. Sand is sentient. The desert is sentient. The sky is not sentient. Plants are intermittently sentient. Dogs are the most sentient. We are not sentient. The planet as a whole is sentient. The parts that make up that whole are not sentient. Holes are sentient. We are not sentient. Gift cards are sentient until they expire. States in which it is illegal for giftcards to expire have created immortal sentience. Money is not sentient. The concept of private property is sentient. Sand is sentient. The desert is sentient. We are not sentient. This has been the Children’s Fun Fact Science Corner.“

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