James Thurber: Die 13 Uhren * Das wundervolle O

Februar 18, 2016 at 19:01 (gelesen)

„Zwei Märchen“ lautet der Untertitel meiner 1985 erschienenen Ausgabe aus der Edition „Diederichs Kabinett“, die man immer noch gut gebraucht bekommen kann (ich habe sie 2014 über Rebuy gekauft). Einen richtigen Klappentext gibt es zur Abwechslung nicht; auf der Rückseite stehen schlicht die ersten Sätze.

Im Original erschien „The 13 Clocks“ 1950 und „The Wonderful O“ 1957. James Thurber war – den Informationen im Buch zufolge – ein „sprachschöpferischer Humorist“ und verfaßte „grotesk-ironische“ Bücher. Unter seinen Veröffentlichungen finden sich insgesamt fünf Märchen, wobei „Die 13 Uhren“ offenbar am meisten geschätzt wird. Diese richten sich offenbar schon zunächst an Kinder, aber Erwachsene können daran (wie an allen guten Kinderbüchern) ebenfalls ihre Freude haben.

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Die 13 Uhren

In einem Schloß gibt es 13 Uhren, die auf zehn Minuten vor fünf stehen, und das schon seit Jahr und Tag. Zahlreiche Prinzen versuchen, die Hand von Saralinda zu gewinnen, der schönen Tochter des bösen Herzogs, der nach eigener Ansicht die Zeit getötet hat, scheitern jedoch an den gestellten Aufgaben. Es gibt also genügend klassische Elemente, um den Leser auch wirklich an ein Märchen denken zu lassen.

Funktioniert an sich als Geschichte bereits sehr gut und hat mir sehr gefallen. Thurber bietet aber natürlich mehr als nur Märchenmotive. Was „Die 13 Uhren“ wirklich originell macht, ist Thurbers Verwendung von Sprache. Er spielt fortwährend mit Worten bis hin zur Surrealität, vor allem in den Dialogen zwischen dem Prinzen und dem mysteriösen Golux, und erfindet eigene Worte. Ich hatte damit in der Form nicht gerechnet und war sehr positiv überrascht, wie viele kleine Sprachentdeckungen man auf den rund 70 Seiten machen kann.

Das wundervolle O

Hier drängt sich ein Vergleich mit dem englischen Original geradezu auf, denn inhaltlich wird auf der Insel Ooroo der Buchstabe O verboten und damit werden es auch alle Dinge, die ein O beinhalten. Die eigentlich recht friedfertigen Bewohner der Insel versuchen sich schließlich doch gegen die O-lose Sprache zu wehren. Da es einige O-lose Sätze zu lesen gibt, ist es allerdings vielleicht nicht schlecht, zuerst auf die Übersetzung zurückzugreifen – so habe ich jedenfalls alles verstanden 😉

„Das wundervolle O“ ist etwas kürzer als „Die 13 Uhren“ und macht einfach Spaß zu lesen. Das zweite Märchen ist in meinen Augen trotzdem etwas schwächer, was daran liegt, daß der Plot ein wenig hinter dem O-Fokus zurückbleibt, aber immer noch sehr lesenswert.

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Einen kurzen Einblick in den besonderen Stil des Buches auf Englisch gibt es hier – für den Verlag hat Neil Gaiman (der über „The 13 Clocks“ sagte, es sei „probably the best book in the world“ – ausführlicher besprochen hat er es mit dem Wall Street Journal Bookclub hier) den Anfang eingelesen. Der Übersetzer hat, denke ich, sehr gute Arbeit geleistet, aber es ist zwangsläufig sehr schwer, einen Text, der so auf Sprachspiel beruht, zu übertragen. Ich werde mir daher noch die englischen Ausgaben besorgen, die erfreulicherweise seit einigen Jahren in der New York Review Children’s Collection vorliegen. Zusätzliches Argument dafür sind die Originalillustrationen von Marc Simont*.

Im übrigen hat James Thurber auch Fabeln und weitere kurze Texte verfaßt sowie gezeichnet. Seine Fabeln werde ich nach dieser gelungenen Probe mit den Märchen wohl auch bei Gelegenheit lesen. Schade, daß Thurber in Deutschland so wenig gelesen wird – unverdient, finde ich.

„Es war einmal, da stand auf eineme verlassenen Hügel ein düsteres Schloß, in dem gab es dreizehn Uhren, die nicht gingen, sowie einen streitsüchtigen, kaltherzigen Herzog und seine Nichte, die Prinzessin Saralinda. Sie war bei jeglischem Wetter voller Wärme; er aber war immer kalt.“

* Mich erinnern sie an die Illustrationen in meiner geliebten Ausgabe bulgarischer Märchen, schon deshalb geht mir beim Betrachten gleich das Herz auf 🙂

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