Dave Eggers: The Circle

Juni 25, 2015 at 19:14 (gelesen)

Ich habe das Buch ganz unvorbelastet von Meinungen im Buchladen gekauft, weil die Schreifarbe des Covers den vorgesehenen Effekt entfaltete. Der Klappentext klang auch spannend genug, und in dieser Form (ohne jugendliche verliebte Rebellen) mag ich Dystopien. Trotzdem hat „The Circle“ (wie die meisten meiner Neuzugänge…) erst einige Monate ungelesen im Regal verbracht, bis ich wirklich Lust darauf hatte. Gut so, denn nun habe ich es innerhalb von vier Tagen gelesen, was für mich bei 500 englischen Seiten ziemlich gut ist.

„When Mae Holland is hired to work for the Circle, the world’s most powerful internet company, she feels she’s been given the opportunity of a lifetime —even as life beyond the campus grows distant, even as a strange encounter with a colleague leaves her shaken, even as her role at the Circle becomes increasingly public. What begins as the captivating story of one woman’s ambition and idealism soon becomes a heart-racing novel of suspense, raising questions about memory, history, privacy, democracy, and the limits of human knowledge.“

Der „Circle“ ist ein Unternehmen, das wohl nicht nur bei mir Assoziationen zu Google und weiteren Netzkonzernen hervorruft. Auf den ersten Seiten erkunden wir den Campus gemeinsam mit Protagonistin Mae Holland, die gerade einen der begehrten hippen Jobs dort ergattert hat. Der Roman ist eine dystopische Vision für das Social Media-Zeitalter, und es macht durchaus Spaß, das Ergebnis gedanklich zu Genreklassikern wie „1984“, „Brave New World“ oder „Fahrenheit 451“ in Beziehung zu setzen.

Maes Arbeit in der Abteilung Customer Experience beginnt zunächst simpel, aber mit der Zahl der Bildschirme auf ihrem Schreibtisch, die sich schließlich einem Dutzend annähert und die sie parallel bedient, steigern sich auch ihre kommunikativen Aktivitäten bis ins Absurde – diese finden im Grunde nur statt, um sich irgendwie zu äußern, beschäftigen sie den ganzen Tag, ohne daß aber wirklich Sinn und Ziel erkennbar sind, getreu dem Motto: „Ich kommuniziere, also bin ich.“

Mae ist eine passende Hauptfigur, weil sie so uninteressant ist. Sie hat selbst sehr wenig Substanz, ist von allem und jedem schnell zu begeistern, unkritisch (was allerdings grundsätzlich auf fast jede Person im Buch zutrifft, und das ist ein weniger gelungener Punkt), naiv, läßt sich willig lenken und instrumentalisieren und ist allgemein ein richtiges Äffchen. Deshalb kann sie auch ohne Verlust in der Gemeinschaft aufgehen und genießt das so sehr. Der „Circle“ weiß alles – und Mae findet es phantastisch. Gerade das ist einigermaßen gruselig. Mit der Zeit wird ihre eigene Rolle im „Circle“ wichtiger und ihr permanentes Geschwätz gewinnt an Einfluß.

Die zunehmende Macht des „Circle“ und die immer umfassenderen Eingriffe in die Privatsphäre, die mit den Produktren des Unternehmens einhergehen und zur totalen Transparenz führen sollen, sind natürlich beklemmend und haben mich beim Lesen gefesselt. Trotzdem muß angemerkt werden, daß beim Autor kaum technische Expertise erkennbar ist. Da geht es immer nur um Ideen und am Ende darum, wie jemand ein Display bedient, aber mit der Umsetzung, Programmierung usw. ist offenbar nie jemand beschäftigt*. Dahingehend hat bei mir etwa Daniel Suarez‘ „Daemon“ einen besseren Eindruck hinterlassen. Bei rechtlichen Fragen wie Regulierung wird im Grunde nur angesprochen, daß sie existieren und man sich bemüht, die Hürden zu beseitigen. Andererseits sind die vielen Aspekte, die betrachtenswert wären, natürlich komplex und möglicherweise kann die vorliegende Form dem nicht gerecht werden. Meinem Eindruck nach – und das ist ein nachvollziehbares Vorgehen – geht es dem Autor eher darum, die Botschaft möglichst klar und einer großen Leserschaft zugänglich zu machen, auch um den Preis zum Beispiel einer gewissen Dämonisierung der Drahtzieher, was mir manchmal zu sehr in Richtung eines geradezu comicartigen evil plan ging.

Einige Logikprobleme betreffen den geheimnisvollen Kalden, auf dessen Identität ich schon früh im Buch richtig getippt habe und der hin und wieder in Maes Leben auftaucht. In der Rückschau muß ich sagen, daß mir sein Verhalten durchgängig unplausibel erscheint. Für seine Ziele hätte es weitaus erfolgversprechendere Methoden gegeben – ohne Spoiler läßt sich aber schwer mehr sagen.

Selber lesen also; denn lesenswert ist „The Circle“. Man kann einige Gedankenanstöße mitnehmen, auch wenn ein höheres Reflexionsniveau und ein technischer Background, der auf etwas sichereren Füßen steht, natürlich möglich gewesen wären. Der Stil ist einfach, die Daialoge oft hölzern, aber irgendwie paßt das sogar und erinnert mich mitunter an ein Computerspiel-Script 😉 Als Roman ist „The Circle“ schließlich trotz diverser vorhersehbarer Ereignisse einfach unterhaltsam und spannend. Es könnte interessant sein, gerade auch mit Jugendlichen so ein Buch zu erarbeiten und zu diskutieren – in der Debatte könnte man die etwas schlicht geratenen Aussagen dann auch weiter problematisieren.

„Secrets are lies. Sharing is Caring. Privacy is theft.“

* Ebensowenig wie Eggers sich damit beschäftigt hat: „I did not, in fact, read any books about any internet companies, or about the experiences of anyone working at any of these companies, either before or while writing The Circle. I avoided all such books, and did not even visit any tech campuses.“ (Quelle)

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4 Kommentare

  1. Neyasha said,

    Das klingt trotz der Kritikpunkte spannend – zumal mir ein einfacher Stil und hölzerne Dialoge auf Englisch meist weniger störend auffallen. Von der Art des Buches her erinnert mich die Beschreibung ein wenig an Wilsons „Die Prüfung“, auch wenn das dort ein ganz anderes Thema ist (dort schafft es eine junge Frau an eine exklusive medizinische Hochschule und muss feststellen, dass dort einiges nicht mit rechten Dingen zugeht).

  2. Kiya said,

    Der Stil hat mein Lesevergnügen auch nicht allzu sehr getrübt, zumal ich eben eine gewisse Absicht dahinter erkennen konnte. Auf Englisch läßt sich simpler Stil meist wirklich noch eher verkraften – das sind dann aber Texte, die in der Übersetzung unerträglich werden, wenn auch noch Konstruktionen wie das Gerundium fehlen. Geschieht besonders oft bei Jugendbüchern, bei denen ohnehin nicht viel Mühe in die Übersetzung investiert wird 😦
    Bevor ich angefangen habe auch auf Englisch zu lesen, hatte ich ernsthaft den Verdacht, die meisten Amerikaner könnten nicht schreiben ^^

    Danke für den Tipp zur „Prüfung“ 🙂 Sagte mir noch gar nichts, klingt aber auch sehr interessant!

  3. nebelmade said,

    Hab die Tage nochmal „1984“ nochmals durchgelesen, solange der „circle“-Eindruck noch frisch war – und muß sagen, daß die Parallelen schon deutlich sind. Nicht nur die Slogans, auch die Endziel (ich spoiler mal nicht) sind sich faktisch gleich. Nur die Art der Umsetzung, daß in „1984“ eben Verzicht und Triebstau (abgesehen von Sadismus) und im „Circle“ eben Seichthedonismus der unmittelbaren Triebbefriedigung herrschen, ist bezeichnend, und macht eben das „Circle“-Szenario wahrscheinlicher. Aber dafür fehlt ihm die philosophische Dimension der Diskussion des epistemischen Erkenntnisproblems – da frag ich mich schon seit einer Weile aber, ob dieses „Abschirmen von der Wirklichkeit“ wirklich so wichtig für so ein System ist?

    • Kiya said,

      „1984“ und „Brave New World“ habe ich vor über 10 Jahren gelesen, die Eindrücke sind also nicht mehr frisch, aber was den Seichthedonismus angeht, könnte man vielleicht zu letzterem mehr Parallelen sehen. Mir ist dazu gerade auch wieder die mood organ aus „Do androids dream of electric sheep?“ eingefallen.

      Wie beschrieben nehme ich an, daß es Gründe für das Fehlen philosophischer Tiefe gibt – damit kann ich soweit leben. Mich interessiert eher die unterschiedliche Konstruktion von Wirklichkeit als das Abschirmen von selbiger 🙂

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