Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes

Juni 8, 2015 at 20:44 (gelesen)

Ich habe den Anfang des Buches, des längst nicht mehr ganz so neuen Holmes-Romans, mehrmals gelesen. Alles beginnt ganz klassisch mit dem Bericht eines Klienten in der Baker Street. Das ist genau richtig, aber ich habe ein wenig gebraucht, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war, und bei Krimis ist es immer eine schlechte Idee, zwischendurch zu lange zu pausieren. Diesmal habe ich es, wieder angefixt durch die dritte Sherlock-Staffel, quasi in einem Rutsch gelesen.

Am Abend eines ungewöhnlich kalten Novembertages im Jahr 1890 betritt ein elegant gekleideter Herr die Räume von Sherlock Holmes‘ Wohnung in der Londoner Baker Street 221b. Er wird von einem mysteriösen Mann verfolgt, dem einzigen Überlebenden einer amerikanischen Verbrecherbande, die mit seiner Hilfe in Boston zerschlagen wurde. Ist ihm der Mann über den Atlantik gefolgt, um sich zu rächen? Als Holmes und Watson den Spuren des Gangsters folgen, stoßen sie auf eine Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise reicht – und den berühmten Detektiv ins Gefängnis bringt, verdächtig des Mordes…

Bei so einem Buch hat man zwei Fragen. Zum einen, ob es ein guter Roman ist. Zum anderen, ob es ein guter Sherlock Holmes-Roman ist. Glücklicherweise läßt sich beides bejahen.

Der Text fügt sich harmonisch in die Holmes-Tradition ein und hat Respekt vor der Vorlage. Vergangene Fälle und Klienten werden häufig angesprochen, die Darstellung der Figuren ist glaubwürdig (wobei ich dem Autor den Watson eher abgenommen habe als den Holmes) und die Atmosphäre stimmt. Alle typischen Elemente, die einem so zum Thema einfallen könnten, sind von Moriarty bis Mycroft enthalten. In der Mitte kam viel Spannung auf, aber die Auflösung des geheimnisvollen „House of Silk“ konnte mich nach den riesig aufgetürmten Erwartungen eigentlich nur noch enttäuschen, auch wenn der Skandalcharakter 1890 verständlich ist.

Zum Finale gehört aber natürlich noch mehr, zumal hier zwei Fälle verwoben werden (der um das „House of Silk“ und der um seinen eigentlichen Klienten Mr Carstairs, der im Klappentext angesprochen wird). Viele Aspekte der Lösung habe ich auch tatsächlich nicht vorher erraten.

Mit der Übersetzung von Lutz-W. Wolff war ich nicht immer glücklich. Als herbe und auffällige Anachronismen sind mir „Roboter“* und „alternativlos“** aufgefallen. Beides will ich in einem Roman, der 1890 spielt, keinesfalls lesen. An einer Stelle wird außerdem über eine 70%ige Kokainlösung gesprochen*** und auch hier hat der Übersetzer geschlampt, wie mir der Vergleich mit der englischen Ausgabe (Google Books sei Dank) gezeigt hat – als Kenner der Originale wird man sich jedenfalls an die 7%ige Kokainlösung erinnern, die Holmes verwendet. Auch die Übersetzung von „The game is afoot“ als „Das Wild ist auf“ ist mindestens eigenwillig. Nach den britischen Rezensionen zu urteilen, hat auch Horowitz einige zu moderne Wörter verwendet, jedoch nicht in diesem Ausmaß (da geht es dann eher um eine Bridge-Bemerkung, obwohl Bridge in England erst 1894 und nicht bereits 1890 gespielt wurde).

Ich bin niemand, der krampfhaft nach Übersetzungsschnitzern sucht, aber hier fallen sie doch sehr ins Auge. Das ist besonders bedauerlich, wenn man weiß, wie viel Rechercheaufwand Horowitz betrieben hat – ich verweise auf die Danksagung. Ein wenig bereue ich es jedenfalls, nicht auf Englisch gelesen zu haben, aber ich habe das Buch noch von Vorablesen, und immerhin: optisch ist meine Ausgabe (das deutsche Hardcover in schwarz-weiß mit Lesebändchen) sehr schön. Die englische Ausgabe könnte ich mir vielleicht aufgrund der Sprache trotzdem noch kaufen…

Zur sehr guten Bewertung fehlt für mich ein Quäntchen. Das hat vor allem damit zu tun, daß ich beim Lesen den Eindruck hatte, daß Holmes vergleichsweise häufig auf Entwicklungen eher reagiert als sie anzustoßen, und zum anderen ist mir etwas zu viel moralische Entrüstung enthalten. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau und wird mich nicht davon abhalten, die Fortsetzung „Der Fall Moriarty“ zu lesen, die ich unbedachterweise ebenfalls auf Deutsch erworben habe 😉 „Das Geheimnis des weißen Bandes“ ist auf jeden Fall eine der besseren Holmes-Adaptionen.

Ansonsten könnte, wer am Autor Gefallen gefunden hat und Jugendbücher nicht scheut, es einmal mit der Reihe „Die fünf Tore“ versuchen, deren erste Bände ich sehr vielversprechend fand.

* S. 72: „Holmes, Sie bestehen offenbar darauf, sich als Roboter zu betrachten.“ vs. „Holmes, you insist upon seeing yourself as a machine.“

** S. 290: „Nun, Watson, die Sache ist alternativlos.“ vs. „Well, Watson, there are no other obvious alternatives.“

*** S. 96: „Aber es wäre wirklich sehr ungewöhnlich gewesen, wenn Sherlock Holmes mitten in einem Fall zu der siebzigprozentigen Kokainlösung gegriffen hätte, die ohne Zweifel seine abscheulichste Angewohnheit war.“ vs. „…, but it would have been unheard of for Holmes, in the middle of a case, to indulge in the seven-per-cent solution of cocaine that was, without doubt, his most egregious habit.“

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4 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Optisch finde ich die Ausgabe auch sehr ansprechend – trotzdem reizt mich der Roman überhaupt nicht. Immerhin bin ich nun gewarnt, dass ich, sollte mich doch noch die Lust überkommen, eher zur englischen Ausgabe greife als zur deutschen. 😉

    „Alternativlos“ ist so ein fürchterliches Unwort, dass das niemandem aufgefallen ist …

    • Kiya said,

      Ich werde bei Sherlock Holmes schnell schwach 😉 Und grundsätzlich empfehlen kann ich es ja auch.

      Schlimm an „alternativlos“ finde ich, daß es das Buch so direkt in seinem Erscheinungsjahr 2011 verortet (ist auch das Jahr der Übersetzung), nachdem es gerade 2010/11 inflationär benutzt wurde und 2010 ja auch Unwort des Jahres wurde.

  2. Neyasha said,

    Das sind ja wirklich scheußliche Übersetzungs-Klopper. Schön, dass dir der Roman trotzdem gefallen hat.
    Ich müsste ja erst mal die Originale lesen, ehe ich zu Adaptionen greife. Bis auf „The Hound of the Baskervilles“ und zwei Kurzgeschichten kenne ich noch gar nichts …

    • Kiya said,

      Mit den Übersetzungen scheint es bei Holmes echt so eine Sache zu sein. In der Kurzgeschichte „Sechsmal Napoleon“, die ich gerade in „London Killing“ nochmal gelesen habe, hat mich die Formulierung: „Trotzdem, das Ganze ist so blödsinnig, daß ich Sie eigentlich nicht damit anöden wollte.“ sofort gestört.
      EIn Blick ins Original zeigt, daß die Stelle eigentlich so klingt: „And yet it is such an absurd business that I hesitated to bother you about it.“
      In dem Fall ist die Übersetzerin Beatrice Schott – wenn du kannst, meide die also besser auch 😉

      Ich habe als Kind zuerst die Romane gelesen, besonders „Das Zeichen der Vier“ und „Der Hund der Baskervilles“, die ich immer noch beide sehr liebe. Bei den Kurzgeschichten könnte es sinnvoll sein, nicht alle auf einmal zu lesen, sonst wird es vielleicht zu eintönig.

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