Roger Zelazny: Der Clan der Magier

Februar 14, 2015 at 15:25 (gelesen)

Auf Zelazny bin ich zuerst bei Jo Walton gestoßen, hätte zu dieser Zeit aber nicht gedacht, daß ich mit dem Autor wirklich viel anfangen kann. Zelaznys letzter Roman ist gleichzeitig mein erster: 300 schnell gelesene Seiten in einem Buch, das ich sehr spontan gebraucht bestellt habe und an das ich ohne große Erwartungen herangegangen bin – ich konnte daher sehr positiv überrascht werden 🙂

„Messer schwingend zieht Jack durch Londons neblige Straßen. Doch nicht nur er trifft Vorbereitungen für ein mysteriöses Ritual, das die Alten Götter beschwören soll. Weitere illustre Gestalten nehmen teil an der Entscheidung, ob die Pforte zur Unterwelt geöffnet wird – ein mordlustiger Pfarrer, ein spitzzahniger Adliger vom Balkan, ein Detektiv mit Pfeife und Diener… Doch als sich grüne Tentakel schmatzend aus dem Tor zur Hölle winden, schlägt die Stunde der Wahrheit für Menschen und Götter.“

Das Buch ist eigentlich phantastisch als Halloween-Lektüre geeignet, was ich vorher nicht wußte. Es ist in 31 Kapitel geteilt – eins für jeden Oktobertag -, daher könnte auch jeden Tag ein Kapitel gelesen werden. Wer Fantasy-Standardkost erwartet, sollte schon bei der Widmung stutzen, die Namen wie Poe, Lovecraft und Shelley nennt.

Zunächst darf man sich also weder vom Titel noch vom Cover abschrecken lassen. Beides ist mehr oder weniger willkürlich und vermutlich dem Erscheinungsjahr der Ausgabe 2001 geschuldet (kurz vor den Veränderungen auf dem Markt nach den Herr der Ringe-Filmen). Immerhin hat man die Namen der Charaktere nicht übersetzt – eine gute Entscheidung. Ich werde mir jedenfalls noch die englische Ausgabe zur Ergänzung kaufen, die seit letztem Oktober als „rediscovered classic“ wieder erhältlich ist. Die heißt „A Night in the Lonesome October“ und hat ein sehr nettes Cover, dessen Cluedo-Atmosphäre sehr gut zum Inhalt paßt:

Der deutsche Klappentext ist schon tauglicher als das Cover und gibt halbwegs einen Eindruck davon, worum es geht. Es handelt sich um ein Spiel verschiedener Figuren, das bizarren und komplexen Regeln folgt – am Ende laufen alle Fäden in der Nacht des 31. Oktober zusammen. Bis dahin sammeln die intelligenten Familiare Hinweise, spionieren und intrigieren. Snuff, Jacks ganz besonderer Hund, erzählt die Geschichte mit einer einfachen, lakonischen Erzählstimme, der gut zu ihm paßt. Auch typisch hündische Verhaltensweisen sind eingebaut, wodurch er nicht einfach wie ein Mensch wirkt. Ich bin froh, daß ich von der Tierperspektive nicht vorher wußte, weil mich das wohl abgeschreckt hatte, aber so, wie Zelazny sie ausgestaltet hat, stört sie überhaupt nicht, sondern macht im Gegenteil einen besonderen Reiz aus.

Der Autor selbst hat ein Hörbuch eingelesen, dessen erste Minuten auf Youtube zu finden sind. Ich mochte den trockenen Humor und habe an einigen Stellen gelacht, aber das Buch ist zum Glück nicht blödelig (Wikipedia nennt es „semi-satirical“).

Der Leser ist eingeladen mitzugrübeln: Wer verbirgt sich hinter Jack, dem Großen Doktor und dem verrückten Mönch? Wer ist ein Öffner, wer ein Schließer? Worum geht es hier eigentlich? Und welcher Spieler wird das Ende erleben? Das Buch verlangt Aufmerksamkeit für die zahlreichen Anspielungen auf Literatur und Film – es wird nämlich nicht ständig alles erklärt. So dauert es auch eine Weile, bis man hinter die Mechanismen kommt und diese Entdeckungen machen einen Großteil des Lesespaßes aus. Zu viel Vorwissen schadet also eher, zumal die einzelnen Puzzleteile erst nach und nach aufgedeckt werden.

Die Dialoge der Familiäre nehmen viel Raum ein und begleiten den Fortschritt im Spiel. Ihr Taktieren, Verhandeln und auch Lügen hat mich die ganze erste Hälfte bei der Stange gehalten. Nach dem 21. Oktober zieht dann der Spannungsbogen an, „das SPIEL ist gefährlicher geworden“, wie Snuff sagt. Ein unerwartetes Highlight in dieser Phase war für mich ein kurzer Besuch in den Traumlanden 🙂 Durch die Spielstruktur gelingt es Zelazny natürlich, das Interesse des Lesers bis zum Finale aufrecht zu erhalten – schließlich will man wissen, wie es ausgeht; auch das Ende enttäuscht nicht. Ich werde mich bestimmt noch näher mit dem Autor auseinandersetzen und kann „Der Clan der Magier“ empfehlen, wenn man auch für viktorianische und Genreklassiker etwas übrig und nichts dagegen hat, hier eine etwas andere Hommage zu erleben.

„Zunehmender Mond. Wütende Katze. Federn im Wind. Der Herbst kommt. Das Gras stirbt.“

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13 Kommentare

  1. natira said,

    Das klingt wirklich interessant, aber ist, fürchte ich, nichts für mich: Ich kenne mich in den viktorianischen Genreklassikern nicht aus und vermute, dass das den Lesegenuss ziemlich schmälert. Ich weiß auch nicht, ob der tageweise Spielaufbau des Buches mir gefallen würde.

    • Kiya said,

      Naja, die wichtigsten Schauergestalten kennst du auch, und wenn du den einen oder anderen Lovecraft-Roman gelesen hast, sollte das schon fast genügen. Man bekommt dann zwar nicht unbedingt jede Anspielung mit, aber dafür gibt es ja auch noch das Internet.

      Mir ist zum Beispiel entgangen, daß der Titel aus Poes „Ualume“ stammt 😉

      • natira said,

        Ich habe mal ein Hörbuch mit Lovecraft-Geschichten gehört, gut gelesen, aber nicht reizvoll genug, mir mehr mit ihm zu beschäftigen. Von Poe kenne ich auch nur extrem wenig, das meiste eher aus TV als im Original. 😉 Daher wäre ich wohl doch ziemlich „verloren“. 🙂

  2. Winterkatze said,

    Oh, das klingt sehr, sehr gut! Ich hatte Roger Zelazny 1986 für mich entdeckt, als der erste Sammelband der „Prinzen von Amber“ erschien. Aber da es damals so wenige Titel auf Deutsch gab und an englische Bücher nur sehr schwierig heranzukommen war, habe ich ihn irgendwann wieder aus den Augen verloren. Vielleicht sollte ich das (mit diesem Buch)) wieder ändern. 🙂

    • Kiya said,

      Zelazny wird wie erwähnt in Jo Waltons „In einer anderen Welt“ sehr gelobt – neben ganz vielen anderen Romanen, die zu dieser Zeit herausgekommen sind.
      Der Verlag hat eine Liste der genannten Titel veröffentlicht, was mir damals gut gefallen hat: http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idart=415 … in der Liste sind verschiedene Zelazny-Bücher genannt, falls du einen Ansatzpunkt suchst 🙂

      Hast du Amber in guter Erinnerung? Dafür ist Zelazny wohl vor allem bekannt, aber auf Anhieb klang es mir zu klassisch 😉

      • Winterkatze said,

        Ich weiß nicht, wie ich die Bücher beurteilen würde, wenn ich sie heute erst kennenlernen würde. Aber ja, ich habe die „Prinzen von Amber“ in guter Erinnerung – damals waren das wirklich Bücher, die sich vom klassischen High-Fantasy-Roman deutlich unterschieden haben. Ich habe die Reihe diversen Freunden empfohlen (und ein Paar war davon sogar so begeistert, dass sie ihre Kinder nach zwei der Charaktere benannt haben Oo).

  3. Kiya said,

    Viele Bücher, die ich einmal mochte, gefallen mir auch beim Wiederlesen – und sei es nur aus nostalgischen Gründen 😉 Aber was du schreibst, klingt erstmal nicht schlecht – ist vielleicht etwas für die nächste High Fantasy-Stimmung.
    Jetzt würden mich die Namen natürlich interessieren! Viele Fantasy-Roman-Namen kann man ja nicht so ohne weiteres einem Kind geben… wobei ich Thorin, Merlin und Katniss in den Vornamenlisten verstärkt gesichtet habe ^^

    • Winterkatze said,

      Ich habe den Sammelband leider schon lange nicht mehr in der Hand gehabt, aber ich würde ihn schon gern mal wieder lesen. 🙂

      Corvin und Fiona – beide Namen finde ich okay, aber der Junge wird in Verbindung mit seinem Nachnamen (den ich natürlich nicht verrate) bestimmt in der Schule gehänselt worden sein. *g*

      • Kiya said,

        Für mich gibt es bei der „älteren“ Fantasy noch viel zu entdecken – in den letzten Jahren habe ich schon feststellen können, daß es durchaus mehr als Sword & Sorcery gab ^^

        Schöne Namen, das stimmt 🙂 Und Kinder können zu allen Namen Hänseleien finden, wenn sie wollen… (in meinem Freundeskreis wurde gerade eine Luitgard geboren *g*)

      • Winterkatze said,

        Oh ja, es gab eine Menge mehr. 🙂

        Luitgard? Ui, ich wusste ja, dass altmodische Namen in sind, aber das ist doch etwas arg.

  4. Kiya said,

    Immerhin: als Zweitname. Trotzdem stutzt man erstmal 😉

  5. A. Disia said,

    Eine Geschichte zum miträtseln, das klingt spannend.
    Das englische Cover sieht auch sehr ansprechend aus. Bei dem deutschen Titelbild hätte ich allerdings einen total falschen Eindruck gehabt.
    Die Versuchung ist groß, mir das Buch zuzulegen…

    • Kiya said,

      Ich habe inzwischen beide Ausgaben und werde wohl wider Erwarten auch beide behalten; die englische wegen bekannter Gründe wie Cover und Sprache – die deutsche, weil ich Papier und Format lieber mag 😉
      Du kannst dem Buch ja mal eine Chance geben. Der Gebrauchtpreis ist nicht besonders hoch und vielleicht hat es ja alternativ sogar deine Bibliothek?

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