Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. ~ Zwei Leben

Februar 5, 2015 at 20:31 (gelesen)

Ich habe wieder ein Buch zu Ende gelesen, das ich schon seit längerem (2010) im Regal habe. Der Einstieg las sich damals eigentlich sehr flott, aber irgendwie im Ersten Weltkrieg bin ich versackt und habe jetzt erst weitergelesen.

8. Oktober 1908: »Adolf Hitler durchgefallen.« Ein einzelner Satz steht am Anfang der Katastrophe, die ein Jahrhundert erschüttert hat. Was aber, wenn der Zwanzigjährige tatsächlich Maler geworden wäre? Ohne Scheuklappen wirft Eric-Emmanuel Schmitt die verstörende Frage nach den Bedingungen auf, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Parallel zu der Geschichte des Diktators Adolf Hitler erzählt er eine Lebensgeschichte im Konjunktiv: die Biographie des Kunstmalers Adolf H.

Ich bin bei „Adolf H. ~ Zwei Leben“ ähnlich zwiegespalten wie das Cover. Die Idee hat zweifellos ihren Reiz. Ich erkenne an, daß so ein Buch nicht leicht zu schreiben ist und kaum jeden Geschmack treffen kann. Auch technisch ist die Zweigleisigkeit gut gelungen – indem entweder vom Künstler Adolf H. oder vom Nationalsozialisten Hitler gesprochen wird, hat der Leser immer die Orientierung. Es ist angenehm und etwas poetisch geschrieben, und einen nützlichen Blick hinter die Kulissen gibt der Autor in einem angehängten Arbeitsjournal.

Der gemeinsame Ausgangspunkt und die ersten Kapitel funktionieren auch sehr gut, mit dem weiteren Fortgang entwickeln sich die parallellaufenden Stränge aber immer mehr auseinander. Knapp die Hälfte widmet sich der Zeit bis 1918. Der Abschnitt zum Ersten Weltkrieg, „Offenbarungen“, ist dabei etwas langatmig geraten. Der historische Strang überzeugt durch gute Recherche; die psychologisierende Darstellung liegt mir weniger und läßt kaum Raum für politische Komplexität. Auch dem spekulativen Künstler-Strang liegt merklich Recherche etwa der Künstlerszene um die Pariser Surrealisten zugrunde, aber darüber hinaus gerät er leider immer mehr zur sentimentalen Fabel und ist dadurch insgesamt schwächer, auch wenn die zum Ende hin entworfene alternative Zukunft mein Interesse wieder weckte.

Der Autor hat gewisse Lieblingsthemen, die Handlungen motivieren und mir mitunter schlicht zu viel Befindlichkeiten und Zauberei in einem Text sind, wo sie nicht hingehören. Kunst, Religion, Sex (gerne gleichgeschlechtlich) und Psychoanalye sind solche Dinge. Ich finde es durchaus interessant, etwa Freuds Originaltexte zu lesen, aber das mystische Brimborium, das die Methode hier erfährt, fand ich nicht gelungen; Sterndeuter und Handleser raunen Prophezeiungen, eine Hypnose des jungen Gefreiten Hitler läßt Schmitt gar zu einem auslösenden Moment seiner Ideologie werden. Sehr deutlich basiert dieses literarische Experiment auf dem Trendgedanken, Milieu und die eigenen Entscheidungen bedeuteten alles.

Letztlich geht mir der erfundene Strang zu sehr in diese betuliche Coelho-Richtung. Meinen Geschmack hat das Buch also nicht so recht getroffen; schade, weil ich „Die Schule des Egoisten“ eigentlich in ganz guter Erinnerung habe. Es ist deshalb trotzdem kein schlechtes Buch, man sollte, um es so richtig zu mögen, aber wohl etwas andere Präferenzen haben als ich.

„Womöglich wird es einmal einen armen Kerl geben, der so frustriert ist, daß er darüber den Verstand verliert, ein armer Kerl, der Gutes tun will wie Gott, oder sogar noch mehr, ein Reformator und Brandstifter, ein Teufel, geboren aus der Herausforderung Gottes, ein Teufel aus Eifersucht auf Gott, ein Teufel aus Anmaßung, ein grotesker Komödiant, ein Clown.“

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6 Kommentare

  1. Neyasha said,

    Die Idee klingt interessant, die Umsetzung nicht so sehr. Schade.
    Dieses betulich-sentimentale zeigt sich bei Schmitt in Ansätzen schon bei „Hotel zu den zwei Welten“, aber ich finde, dass er dort doch noch die Kurve gekratzt hat.

  2. Kiya said,

    „Hotel zu den zwei Welten“ kenne ich nicht, aber der Klappentext spricht auch wieder von Freud – waren diese Szenen ebenso eigen wie bei „Adolf H.“?
    Dort werden Hitlers sexuelle Probleme (die bei Schmitt ohnehin ungemein wichtig sind) durch zwei, drei Sitzungen bei Freud geklärt. Ich mochte die ganze Herangehensweise nicht, auch wenn – wie gesagt – Psychoanalyse ein spannendes Thema sein kann. Aber dann eben bei Freud direkt, mit dem man auf keinen Fall immer einer Meinung sein muß, den man aber sehr gut lesen kann.

    • Neyasha said,

      Ich habe keine Ahnung, was für ein seltsamer Klappentext das ist, aber im „Hotel zu den zwei Welten“ spielt die Psychoanalyse nicht die geringste Rolle und Freud wird nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt. Also nein, keine eigenen Szenen in der Hinsicht.

  3. Kiya said,

    Wahrscheinlich hast du eine andere Ausgabe gelesen oder du meintest nur das einzelne Stück. Ich bezog mich auf die gleichnamige Ausgabe, in der aber fünf Theaterstücke enthalten sind, und darin auf „Der Besucher“. Sorry für die Verwirrung 😉

  4. Ariana said,

    Das Buch habe ich auch schon ewig im Regal stehen – ich hatte mal so eine Eric-Emmanuel-Schmitt-Phase, da hab ich alle seine Bücher zusammengehamstert, aber dann nur ganz wenige davon gelesen. Mal sehen, vielleicht packt’s mich mal wieder. Schade, dass dir das Buch nicht so gefallen hat – mal sehen, ob es mir mehr zusagt (wobei ich so betuliche Sachen auch nicht so toll finde …)

    • Kiya said,

      Du siehst ja – bei mir hat es mehrere Jahre halb gelesen gelegen und jetzt habe ich es direkt zu Ende gelesen. Manchmal packt es einen tatsächlich wieder 😉 Trotzdem: so richtig reizen mich seine anderen Bücher momentan nicht.

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