Klein/Hißnauer (Hg.): Klassiker der Fernsehserie

Januar 7, 2015 at 18:24 (gelesen)

Beim Durchsehen der Regalbretter zu Film und Fernsehen in der Bibliothek bin ich auf dieses kleine Reclam-Büchlein gestoßen, das sich unverhofft als ziemlich interessante Lektüre entpuppt hat und sich durch das Format auch wunderbar zur täglichen Mitnahme in der Tasche geeignet hat 🙂

„Wer mit ›Flipper‹ Kind war, in Person von Ekel Alfred und seiner »dussligen Kuh« auch über die eigenen Eltern lachte, wer schon ein bisschen mit schlechtem Gewissen keine Folge ›Dallas‹ versäumte, der teilt die Generationenerfahrung der Baby Boomer. Wer hingegen die ›Lindenstraße‹ zur Nachbarschaft zählt, mit den ›Twin Peaks‹ die Eltern verprellte und ganz ohne Skrupel die ›Sopranos‹ goutiert, der ist eine halbe Menschengeneration und mehrere Fernsehalter jünger. Fernsehserien prägen Mediengenerationen und bleiben manchmal unvergesslich. Der Band versammelt die großen Klassiker des Genres.“

Ich finde es spannend zu beobachten, wie die Serie dem Film langsam den Rang abläuft und wie Qualität, Komplexität und Rezeption sich so entwickeln. Mit vielen älteren Serien kenne ich mich allerdings nicht besonders gut aus, insofern hat „Klassiker der Fernsehserie“ ein Stück weit meinen Horizont erweitert.

Die Einleitung behandelt zunächst ein paar definitorische und theoretische Aspekte – es geht hier um Fortsetzungsromane des 19. Jahrhundert, um Eco und Adorno, um series, serial und mini-series, aber auch um Quality TV. Zeichentrickserien sind – bis auf „Die Simpsons“ („aufgrund ihrer überragenden Bedeutung“) – ebensowenig aufgenommen worden wie der „Tatort“. Ansonsten berücksichtigt die Auswahl genre- und programmprägende, innovative, fernsehhistorisch relevante oder Serien mit Kultstatus. Die Herausgeber gestehen zu, daß sicherlich viele Serien vermißt werden, wollten aber ein breites Spektrum abdecken.

Die Zusammenstellung bietet 40 Beiträge à 5-10 Seiten zu einzelnen Serien, beginnend 1961 und „Mit Schirm, Charme und Melone“, endend mit dem Jahr 2007 und „KDD – Kriminaldauerdienst“. Gerade letzteres fand ich allerdings schlecht gewählt, auch in Hinblick auf die eigenen Kriterien. Passender wäre vielleicht etwas wie „Breaking Bad“ (ab 2008) gewesen… Enthalten sind stets Angaben zu Anzahl der Staffeln und Episoden, Laufzeit, Machern und Schauspielern. Die Bandbreite reicht von Mehrteilern („Belphégor oder das Geheimnis des Louvre“) bis zu Endlosserien („Lindenstraße“). Interessant wäre irgendwann natürlich auch eine erweiterte Neuauflage 🙂

Mir hat vor allem gefallen, daß sich durch die fortlaufende Lektüre mit der Zeit ein Bild der Seriengeschichte für mich geformt hat. Auch wenn mich einzelne Serien nicht besonders interessiert haben, wurden die Artikel doch durch die Einbettung in den fernsehhistorischen Kontext, Hinweise zu Bedeutung und Charakteristika sowie Querbezüge für mich lesenswert. Ich habe verschiedenes über Genrevorlieben, narrative und ästhetische Mittel in den einzelnen Jahrzehnten und auch in unterschiedlichen Ländern gelernt. In „Die Sklavin Isaura“ wird zum Beispiel auf Geschichte und Serienmarkt Brasiliens eingegangen.

Ein Kapitel zu Tendenzen am Schluß und mehr Bildmaterial wären nett gewesen, aber bei Youtube kann man sich auch gut die fehlenden Einblicke verschaffen. Naturgemäß erst spät im Buch ging es um Serien, die ich auch selbst im Fernsehen gesehen habe – diesen konnte ich dann mal ganz neue Aspekte abgewinnen: Akte X unter dem Gesichtspunkt „epistemologischer Verunsicherung“ und Buffy und die „Destabilisierung der Einheit der Figur“… durchaus spannend 😉

„Klassiker der Fernsehserie“ könnte auch noch umfangreicher sein, für einen Überblick genügt der Inhalt aber, insbesondere wenn man – so wie ich – nicht schon seit der 60ern Serien verfolgt und daher nur ein begrenztes Hintergrundwissen mitbringt.

Angefixt: Ich habe Umberto Ecos „Über Spiegel und andere Phänomene“ bestellt und die mir bis dato unbekannte Serie „Für alle Fälle Fitz“ / „Cracker“ nach Youtube-Erprobung auf die Wunschliste gelegt.

„Der Begriff der Serie bezeichnet in seiner weitesten Definition eine Form der Herstellung, die auf der Aufeinanderfolge gleicher oder gleichartiger Produkte basiert und im günstigsten Fall eine Masse von Verbrauchern erreichen soll.“

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7 Kommentare

  1. irina said,

    „Für alle Fälle Fitz“ ist eine großartige Serie mit großartigen Darstellern – ziemlich düster und irgendwie deprimierend, aber unglaublich spannend und mitreißend. (Weißt du nach der Lektüre des Büchleins aber sicher ja schon.)

    • Kiya said,

      Weiß ich noch nicht, aber ich hoffe darauf – und dein Kommentar bestärkt mich darin, mir die DVDs zu besorgen 🙂

  2. Ariana said,

    Das ist ja ein spannendes Buch! Da ich in meiner Kindheit immer mal wieder alte Serien geguckt habe, wenn sie im Fernsehen wiederholt wurden, könnten auch die frühen Kapitel für mich durchaus spannend sein. Das Buch wandert mal auf meine Merkliste. 🙂

    • Kiya said,

      Wenn du wissen willst, ob eine bestimmte Serie vorkommt, sag Bescheid und ich schau nach. Aber auch Serien, denen kein eigenes Kapitel gewidmet ist, werden durchaus am Rande erwähnt und teilweise mit in Vergleiche einbezogen.

  3. nebelmade said,

    Hmmm, interessant… Könnt‘ ich mir auch gut à la Reclams Geschichte der dt. Literatur, weißt schon, das bilderreiche Hardcover, vorstellen.

    • Kiya said,

      Vielleicht – dann müßte man es aber wirklich anders und deutlich umfassender aufziehen. Vielleicht ist die Zeit für so etwas in einigen Jahren reif 🙂

  4. nebelmade said,

    Ach klar, das kann ich mir schon als auch für den Verlag lohnend vorstellen. Film ist ja eigentlich schon eine Weile ein dankbares Thema, und nach dem sich die Serien die Seiten des „seriösen“ Kulturfeuilletons erobert haben und welche als „Klassiker“ gehandelt werden, liegt so etwas doch eigentlich nahe (vor allem, da diese Kunstform ja eminent bildbasiert ist).

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