Jeffery Deaver: Der Knochenjäger

Dezember 16, 2014 at 00:41 (gelesen)

Ich habe die Thrillerreihe um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs ursprünglich mit „Das Gesicht des Drachen“ begonnen, dem vierten Teil, wegen des China-Themas. Das Buch habe ich aber nur etwa 60 Seiten weit gelesen und bin dann doch zum Anfang zurückgegangen, um den Einstieg zu haben: zu „Der Knochenjäger“, auch erschienen als „Die Assistentin“.

„Ein Serienkiller versetzt New York in Angst und Schrecken: Scheinbar wahllos verschleppt und tötet er unschuldige Menschen und hinterlässt an jedem Tatort einen obskuren Hinweis auf den nächsten Mord. Die letzte Hoffnung der Polizei ist der geniale Forensiker Lincoln Rhyme, der seit einem Arbeitsunfall querschnittsgelähmt ist. Die brutalen Fälle wecken sein Interesse – und nach und nach kommt ihm der Verdacht, dass er den Mörder kennen muss…“

Mittlerweile ist Forensik ein häufiges Thrillerthema (gerne auch in Gestalt forensischer Psychologen), aber als das Buch 1997 erschien, war das noch weniger verbreitet. Ich habe nachgesehen: die Serie CSI begann im Jahr 2000 🙂 Das Erscheinungsjahr bringt natürlich auch mit sich, daß die Computertechnik noch nicht ganz so ausgereift ist. Es ist übrigens für den unkundigen Leser auch einen kleinen Anhang enthalten, „Auszüge aus dem Glossar zu ‚Spurenlehre‘ von Lincoln Rhyme“, von Alternative Lichtquelle bis Vergleichsmuster.

Es gibt verschiedene Dinge, die ich an dem Buch sehr mochte.

Zum einen habe ich mich häufig an Sherlock Holmes erinnert gefühlt. Ich mußte grinsen, wenn  das kriminalistische Genie Rhyme daran denkt, wie man früher anhand der Hände von Menschen ihren Beruf erkennen konnte, oder wenn er anhand spezieller Bodenspuren den dazugehörigen Wohnblock in Manhattan ausfindig machen kann. Auch die absichtlich gelegten Hinweise, denen die Ermittler folgen müssen, gehen in diese Richtung.

Es gibt im Buch außerdem eine Tabelle, auf der – gegliedert in Aussehen, Aufenthaltsort, Fahrzeug, Sonstiges – die bekannten Fakten und Vermutungen zum Täter gesammelt sind. Diese Tabelle ist etwa alle 50-100 Seiten wieder ergänzt um die neuen Informationen abgebildet und vom Autor durchaus zum Miträtseln für den Leser gedacht.

Trotz der Krimielemente ist „Der Knochenjäger“ in erster Linie ein Thriller, dessen Seiten nur so dahinfliegen. Das funktioniert auch durchaus durch übliche Zutaten wie Zeitdruck und in letzter Sekunde zu rettende Opfer. Zwischendurch wiederholte sich für meinen Geschmack das Schema Opfer – Spuren lesen – Spuren folgen – Opfer etwas zu sehr, aber gerade als ich anfing mich daran zu stören, kam wieder Abwechslung auf.

Zum anderen orientiert sich der Serientäter in dem Buch an historischen Schauplätzen und läßt sich von Verbrechen inspirieren, die im New York überwiegend des frühen 20. Jahrhunderts passierten. Das hat mich sehr interessiert, und ich habe einige der beiläufig eingeflochtenen Informationen über diese Zeit nachgeschlagen.

Lincoln und Amelia sind ausreichend runde Charaktere, wobei Amelia eben die superschöne und schlaue Frau ist. Der Autor hat sich aber erkennbar bemüht, ihr auch ein paar Handicaps mit auf den Weg zu geben. Lincoln ist querschnittsgelähmt und damit quasi nur noch Kopf. Meist über Telefon leitet er die unerfahrene Polizistin Amelia bei der Tatortuntersuchung an. Nicht gebraucht hätte ich die romantischen Entwicklungen zwischen den beiden.

Stilistisch ist mir besonders in der ersten Hälfte aufgefallen, daß Deaver oft ein Schlagwort im Dialog anbringt und danach etwas belehrend die Erklärung folgen läßt. Kam mir etwas zu häufig vor, ließ aber mit der Zeit nach. Vielleicht wird anhand der Beispiele klar, was ich meine:

„Metallbedampfung?“ – Die Metall- oder Vakuumbedampfung ist die zuverlässigste Methode, um latente Fingerabdrücke auf nichtporösen Oberflächen zu erkennen. Dabei wird etc.

„Zermahlenes Glas“, schlug Rhyme vor. Glas ist im Grunde genommen nichts anderes als geschmolzener Sand, aber bei der Glasherstellung ändert sich die Kristallstruktur etc.

Für den Protagonisten zählen, wie er gerne betont, Spuren, nicht Motive. Das könnte auch für den Autor gelten: den Täter und sein Motiv fand ich nämlich nicht so überragend. Erraten habe ich ihn aber nicht – stattdessen habe ich mich wohl von Deaver auf eine falsche Fährte locken lassen 😉 Auch die letzten Seiten haben noch ein paar überraschende Entwicklungen zu bieten. Hat mir insgesamt alles gut gefallen, auch in Anbetracht dessen, daß „Der Knochenjäger“ viele spätere Romane inspiriert hat; ich werde jedenfalls noch weitere Bände der Reihe lesen. Auf die Verfilmung dagegen habe ich momentan noch wenig Lust, den Trailer fand ich eher anstrengend.

Zum Abschluß möchte ich noch ein Interview von krimicouch.de mit dem Autor empfehlen, das ich sehr informativ fand.

„Ich habe Ihr Buch gelesen, Sir“, sagte Jerry Banks. „Welches?“ „Naja, Ihr Handbuch über Tatortarbeit natürlich. Aber ich habe das mit den Abbildungen gemeint. Das, was vor zwei Jahren rausgekommen ist.“

„Da war auch Text drin. Genaugenommen sogar hauptsächlich Text. Haben Sie den gelesen?“ „Oh, naja, sicher“, sagte Banks rasch.

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6 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Deaver lese ich auch immer wieder gern, obwohl ich großen Abstand zwischen seinen Büchern benötige. Oh, und ich habe die Verfilmung gesehen, als sie damals in die Kinos kam (und ich das Buch noch nicht kannte) und fand sie gar nicht so schlecht – ist aber schrecklich lange her.

    Es gibt inzwischen noch eine Serie von ihm rund um eine Polizistin, die Expertin für Kinesik und Verhörtechniken ist – den ersten Band fand ich auch gut lesbar. Obwohl die Art der Erzählung sehr ähnlich ist, war es angenehm mal einen anderen Ermittlungsansatz zu verfolgen.

  2. Kiya said,

    Irgendwie ist mir dein Kommentar durch die Lappen gegangen. Momentan werde ich irgendwie nicht über jeden benachrichtigt.

    Ich glaube auch nicht, daß ich die Reihe am Stück lesen kann. Wobei ich mit dem zweiten gerade begonnen habe, aber danach werde ich sicherlich eine Pause einlegen.
    Kinesik und Verhörtechniken – klingt auch gut. Jedenfalls fand ich „Erfolgreich vernehmen“ ziemlich interessant.

    Ein Fehler war jedenfalls, direkt nach Deaver „Fünf“ von Ursula Poznanski weiterzulesen… *bah* Der direkte Vergleich fällt nicht besonders schmeichelhaft aus.

  3. Winterkatze said,

    WordPress scheint da gerade auch etwas Schluckauf zu haben. 🙂

    Wenn dir die Rhyme-Romane so viel Spaß machen, dann würde dir die andere Reihe bestimmt auch gefallen. Oh, „Fünf“ nach Deaver … das ist schon etwas … anderes. 😀

    • Kiya said,

      Ich bin wohl gerade in der passenden Lesestimmung. Aber du weißt ja: kann gut sein, daß ich „Letzter Tanz“ nach 60 Seiten weglege und erst in drei Jahren wieder anfasse…

      Ich habe gerade mal in deine Rezi zu „Fünf“ reingelesen – bei dir kommt es deutlich besser weg als bei mir… Mir gingen die Figuren so was von auf die Nerven! Und wenn im Nachfolger die beiden Polizisten auch noch eine überflüssige Lovestory starten, landet das nächste Buch bestimmt in der Zimmerecke 😉

      • Winterkatze said,

        Ich glaube, das lag daran, dass ich das Buch in einem durchgelesen habe (dann bin ich immer etwas milder) und dass es deutlich besser war als das kurz vorher gelesene „Knochenfinder“. Hätte ich vorher etwas Qualitativeres gelesen, wäre ich wohl auch kritischer gewesen.

  4. Kiya said,

    Ich glaube, ich bin eher kritischer, wenn ich ein Buch schnell durchlese, weil ich die Details dann noch alle im Kopf habe *grübel*. Aber Thriller sind halt auch so eine Sache: die gefallen mir nicht immer, in diesem Jahr ist schon „Der Federmann“ total bei mir durchgefallen (wobei das Buch auch geradezu albern war).

    Bei mir hängt der negative Eindruck auch mit enttäuschten Erwartungen zusammen – das ist ja allgemein einer der Hauptgründe für schlechte Bewertungen. „Erebos“ und „Saeculum“ haben mich trotz kleiner Schwächen nämlich gut unterhalten.
    Aber: „Blinde Vögel“ habe ich erst kürzlich als Mängelexemplar bekommen, also sowieso schon da – vielleicht gefällt mir das ja viel besser (angesichts heruntergeschraubter Erwartungen 😉 ).

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