Mark Hodder: Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack

Februar 2, 2014 at 14:21 (gelesen)

Das Buch hat mich gleich neugierig gemacht, bis ich es aber gelesen habe, sind nun doch einige Monate vergangen. Beim ersten Anlesen bin ich, warum auch immer, schon nach den ersten Seiten steckengeblieben, im zweiten Anlauf habe ich es jetzt aber ziemlich schnell beendet.

„Sir Richard Francis Burton: Entdecker, Gelehrter und geschickter Schwertkämpfer. Sein Ruf ist befleckt, seine Karriere zerstört. Und sein ehemaliger Partner wahrscheinlich tot. Algernon Charles Swinburne: ein talentierter Poet, stets auf Nervenkitzel aus und ein Anhänger des Marquis de Sade. Der Schmerz ist für ihn Lust und der Brandy sein Untergang. Gemeinsam sollen sie die Machenschaften des „Spring Heeled Jack“ untersuchen: eine mysteriöse Gestalt, die wie aus dem Nichts auftaucht und sich an jungen Frauen vergeht. Ihre Nachforschungen führen sie zu einem der bedeutsamsten Ereignisse des Jahrhunderts -und zu der Entdeckung, dass die Welt, in der sie leben, besser gar nicht existieren sollte.“

Der Schauplatz London im viktorianischen Zeitalter wird so häufig gewählt, daß er zum bekannten Klischee geworden ist. – Im „Spring Heeled Jack“ wird das Thema insofern leicht variiert, als hier nicht Victoria, sondern Albert auf dem Thron sitzt. Hodder hat sich eine sehr interessante Alternativwelt ausgedacht, die nicht nur angenehm viele Steampunk-Elemente enthält, sondern vor allem durch die Dynamik der gesellschaftlichen Gruppen besticht.

Ich fühlte mich von dem durchaus naheliegenden Konzept der Libertins, die im Großen und Ganzen moralische Grenzen im Sinne der Freiheit zu überschreiten suchen und Technokraten, bei denen es sich um Ingenieure und Eugeniker handelt, sehr gut unterhalten. Hin und wieder führen die Hauptfiguren dazu kleine Diskussionen, da Swinburne als de Sade-Anhänger den Libertins nahesteht. Praktische Ergebnisse der Ingenieurskunst (etwa Rotorstühle) wie auch die sehr interessanten Züchtungen der Eugeniker von schimpfenden Botenvögeln bis zu Mensch-Tier-Mischwesen tauchen häufig auf.

Viel Spaß hatte ich auch mit den Protagonisten: Burton und Swinburne sind passend gewählt und ergänzen sich, wobei Swinburne für humoristische Momente sorgt. Beide konnte ich mir anhand der Beschreibungen gut vorstellen. Einen großen Stein im Brett hat Hodder bei mir, weil er der Versuchung widerstanden hat, eine dieser drögen sog. starken weiblichen Hauptfiguren oder gar eine forcierte Romanze einzubauen. Nebenbei tauchen weitere bekannte historische Persönlichkeiten auf, darunter Oscar Wilde (ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, bis ich ihn in dem Zeitungsjungen erkannte 🙂 ).

„Spring Heeled Jack“ ist so ein Buch, das mit Fortschreiten der Handlung interessanter für mich geworden ist. Mit dem ersten Auftauchen der titelgebenden skurrilen Figur war mir ein zentraler Aspekt der Geschichte klar, und es dauerte ein Weilchen, bis auch Burton die Erkenntnis hatte. Die Geschichte des Spring Heeled Jack weist dann aber doch eine erfreuliche Komplexität auf und hat sich besser entwickelt, als ich anfangs vermutet hätte (es ist schwierig, mehr vom Plot zu erzählen, ohne zu spoilern…).

Alles in allem ein wirklich ansprechendes Buch, das ganz meinen Geschmack getroffen hat, auch wenn man viele Ideen schon in der ein oder anderen Form von anderen Autoren kennt. Macht aber gar nichts – ich freue mich schon jetzt auf den Nachfolger

„Jemand betrat die Straße. Sein seltsam verlängerter Schatten drang in merkwürdigem Winkel durch die weiße Wolke, die Verzerrung ließ die Gestalt düster, skelettartiig und furchteinflößend wirken. Flackernde Lichtblitze erhellten den wallenden Nebel, als sei die Wolke eine Miniaturausgabe eines echten Gewitters.“

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10 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Mir hat es auch sehr gut gefallen wie schnell die Dame in der Geschichte … nun ja, Geschichte war. 😉 Mein Vater hingegen war fasziniert davon, dass alle vorkommenden technischen Erfindungen Patente dieser Zeit waren. Insgesamt hat Mark Hodder da auf jeden Fall eine tolle Mischung aus bekannten Elementen und fantastischen und eigenwilligen Aspekten geschaffen. 🙂

  2. Kiya said,

    Ja, es war einfach mal eine nette Abwechslung. Ab und an mag ich auch weibliche Helden, aber leider sind sie im (Jugend-)Fantasy-Bereich mittlerweile dermaßen überrepräsentiert, daß ich den Mut zur Abweichung sehr schätze 🙂

    Oh, das mit den Patenten ist interessant. Ich habe erstmal vor allem die historischen Personen nachgelesen (und den „Weltensammler“ auf meine Wunschliste befördert…). Nach den Rezensionen zu den weiteren Teilen zu urteilen, wird die Reihe originell bleiben und möglicherweise verwirrend werden – was mich erstmal freut (hat mir auch bei Lawheads „Schimmernden Reichen“ gefallen).

  3. Winterkatze said,

    Vor allem sind diese Überheldinnen so schrecklich präsent. Ich hätte gern mal wieder eine normale weibliche Hauptfigur. Wobei es natürlich schwierig ist dieses „normal“ zu definieren. 😀

    Nach weiteren Rezensionen hatte ich noch gar nicht geschaut, aber ich freu mich schon auf den zweiten Band – der allerdings seit sechs Wochen nur auf dem Tisch rumgeschoben wird, weil andere Sachen dazwischenkommen.

    Ich schmunzel jetzt übrigens nur ganz dezent darüber, dass deine Wunschliste wieder gewachsen ist. 🙂

  4. Kiya said,

    Eine eher normale weibliche Hauptfigur hat z.B. „Nachtgeboren“ zu bieten, fand ich. Ansonsten geht mir das Problem in Filmen aber ebenso auf den Keks: Hauptsache, man baut in jede Story noch eine sinnfreie weibliche Hauptrolle ein… (wie zuletzt im Hobbit *gnarf*)

    Ich bin gespannt, wann ich zum 2. Band komme. Bei mir dauert es ja gerne jahrelang, bis ich eine Reihe beende (habe gerade den 8. Sookie-Band aus seinem Schuber gezogen).

    Meine Wunschliste wächst quasi täglich *seufz* Das sind allerdings auch mal-gucken-Titel, nicht nur muß-ich-haben-Titel.

  5. Winterkatze said,

    Da ich in den letzten Jahren kaum noch Filme geguckt habe, kann ich das gar nicht beurteilen. 😀 (Beim Hobbit wurde ne Frau eingebaut? Mich hat schon der Legolas in den Trailern irritiert!) Vor kurzem ertappte ich mich aber dabei, dass ich meinem Mann von einem Buch erzählte und jeder zweite Satz lautete „Sie sind aber kein Paar – es gibt keine Liebesgeschichte!“. *g*

    Bei mir dauert es gerade mal wieder länger als mir lieb ist. Dabei kann ich bestimmte Serien so richtig schön hintereinander weglesen Gerade bei der Mythos-Academy-Reihe gemacht und sehr genossen. Aber der Hodder braucht schon das Gefühl, dass ich etwas mehr Zeit und Ruhe in den nächsten Tagen habe.

    Eine Wunschliste muss eben groß und stark werden! *kicher*

  6. Kiya said,

    Warum schaust du denn keine Filme mehr? 🙂 Ich gucke vermutlich eher mehr als früher, mangels Fernseher aber überwiegend auf DVD.
    Ja, sehr komische Frau im Hobbit. Begründet mit selbstgerechten Plattitüden à la „wir fanden, das wäre ja viiiel zeitgemäßer“.

    Taugt denn die Mythos Academy was? Ich bin schon immer mal daran vorbeigegangen, konnte mich aber nicht so recht dafür entscheiden, und in der Bibliothek sind die Bücher immer entliehen.
    Eine eKurzgeschichte fand ich ziemlich dröge, aber vielleicht sind die Romane ja besser?

  7. Winterkatze said,

    Erst einmal finde ich die meisten aktuellen Filme nicht besonders gut (und die, die mich dann doch mal interessieren, laufen selten im deutschen Kino oder Fernsehen) und dann muss ich die Filme, die meinen Mann überhaupt nicht interessieren, entweder tagsüber gucken (was ich nicht gut in meinen Tagesplan gequetscht bekomme) oder abends mit „missbilligender Ausdünstung vom Nachbarsofa“ (was doch eine Menge Spaß nimmt). Es gibt zwar auch Filme, die wir gern zusammen gucken, aber es dauert dann immer bis wir mal zeitgleich Lust darauf haben. Manchmal finde ich das ganz schön seltsam, wenn ich überlege, dass ich früher fast jede Woche im Kino war (und wir uns über ein Film- und Comicforum kennengelernt haben).

    Die „Mythos Academy“-Bücher sind nett. Teenager-UF mit einem ganz reizvollen Götter- und Magiesystem – eigentlich nichts, was man gelesen haben muss, aber schön entspannend und für mich Anfang des Jahres genau das Richtige. 🙂

  8. Kiya said,

    Bei aktuellen Filmen ist für mich auch nicht so viel dabei, aber ab und an gehe ich gerne ins Kino. Allerdings nicht 3D – den Aufpreis sehe ich nicht ein. DVD’s bieten glücklicherweise viele Möglichkeiten (schon allein die Originalsprachausgabe…).

    Mein Freund guckt auch viele Filme allein (ich bin seltener in Filmlaune), nimmt dann allerdings Kopfhörer (so erledigt sich die „mißbilligende Ausdünstung“ (*g*) von selbst).

    Irgendwie bin ich ja schon neugierig auf Mythos Academy, zumal ich in regelmäßigen Abständen Lust auf eine YA-Reihe kriege. Gestern im Buchladen bin ich aber vorerst beim ersten Shadow Falls-Band schwach geworden… (ich habe eine ganze Weile zwischen der deutschen und der englischen Ausgabe geschwankt, aber die Übersetzung liest sich doch ganz schön mies – so sehr, daß mein Gehirn ständig zurückübersetzen will; wie ist das bei Mythos Academy? – die deutschen Cover gefallen mir da viel besser).

  9. Winterkatze said,

    Mit Kopfhörer Filme zu gucken, ist bei uns leider schwierig, da wir das Kopfhörerkabel einmal quer durchs Wohnzimmer ziehen müssten. So groß ist das zwar nicht, das endet aber in der Regel damit, dass die Katzen das Kabel beim Toben erwischen und irgendwas kaputt geht. Das letzte Mal war es der doch recht teure und qualitative Kopfhörer. Der neue sollte etwas länger halten. 😉 Die Originaltonspur bevorzuge ich bei Filmen auch – selbst wenn ich kein Wort verstehe wie bei japanischen Filmen, so ist die Atmosphäre doch gleich ganz anders. 🙂

    Bei der Mythos Academy habe ich den ersten Band auf Deutsch gelesen und fand ihn sprachlich nicht weiter auffällig. Bei den englischen Büchern hatte ich beim ersten Band ein sehr deutliches „Buffy“-Gefühl, was ich wirklich mochte. Was man bei den Mythos-Academy-Titeln in Kauf nehmen muss, sind ständige Erwähnungen der Ereignisse aus den vorhergehenden Bänden. Wenn man sie so wie ich am Stück liest, ist es etwas viel, wenn man sie mit Abstand liest, ist es vermutlich ganz angenehm, dass man nicht mühsam seine Erinnerung auffrischen muss.

  10. Kiya said,

    Hm, Haustiere können da natürlich ganz eigene Probleme aufwerfen 😉 Und ja, ich nehme auch oft die Originaltonspur, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe – Untertiteln sei dank. Ich schaue wenig Animes, aber die wenigen hatten extrem nervige Synchronsprecher.

    Wahrscheinlich wären die Wiederholungen für mich nicht so problematisch (an Reihen lese ich ja sowieso immer jahrelang… *hust*). Buffy-Gefühl klingt doch gut ^^ Vermutlich werde ich es einfach irgendwann mal mit dem ersten Band probieren…

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