[Ich lese] Franz J. Bauer: Das „lange“ 19. Jahrhundert ~ Profil einer Epoche

August 11, 2013 at 10:13 (Ich lese)

„Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert, also die Zeitepoche, die durch die Französische Revolution als Beginn und den Ersten Weltkrieg als Ende markiert ist, erscheint als ein Zeitalter der Bewegung schlechthin. Es ist gekennzeichnet durch große Veränderungsprozesse – Säkularisierung, Industrialisierung, Emanzipation, Nationsbildung, Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft – und ein generelles Fortschrittsdenken, das freilich gegen Ende des Jahrhunderts auch in eine tiefgreifende Krise der Moderne führt.“

Das mit 80 Seiten Text sehr schmale Buch habe ich noch gekauft, bevor es eine Preissteigerung erfuhr. Ich nehme es mir nun schubweise vor, sprich immer mal wieder um die 20 Seiten. Zum 19. Jahrhundert lese ich gemeinhin sehr gerne, und die Betrachtung mit Eric Hobsbawm auf die Zeit von 1789-1914 auszudehnen, erscheint mir sinnvoll. Bauer versteht es, auf dem sehr knappen Platz nach einer Einleitung zum Thema Epochenbegriff wesentliche Merkmale der Epoche wie Säkularisierung, industrielle Revolution und Krise der Moderne verständlich zu erläutern, aufeinander zu beziehen und damit einen Überblick bzw. eine Vorstellung von den bestimmenden Ideen zu geben.

Ganz glücklich bin ich bisher trotzdem nicht mit dem Buch. Das liegt zum einen in der Kürze begründet und ist insofern vielleicht ein unfairer Vorwurf, aber gegen umfassendere Darstellungen kann es offenbar nur verlieren. Als besonderes Schwergewicht habe ich den Jürgen Osterhammel auf dem SuB, der mich nicht nur deshalb mehr interessiert, weil er in allen Bereichen mehr in die Tiefe geht, sondern auch aufgrund der umspannenden Perspektive. Bauer erinnert mich zu sehr an den üblichen Geschichtsunterricht aus deutscher Perspektive, indem der Fokus vor allem auf Aufklärung/Französischer Revolution und anschließenden politischen Entwicklungen geht – ein großer Teil der Inhalts beschäftigt sich unter Kapiteln wie „Emanzipation und Partizipation“, „Differenzierung und Integration: Nationsbildung und nationale Einigung“ und „Bürgerliche Gesellschaft, Liberalismus und konstitutioneller Staat“ damit. Wie man das eben so kennt aus der Nationalgeschichtsschreibung. Entsprechend erfahren wir wenig u.a. über Globalisierung oder die Entwicklungen, die eigentlich zum Ersten Weltkrieg führen. Momentan stecke ich beim Lesen in der 2. Hälfte.

Mir fehlt dabei zu viel von dem, was mich eigentlich interessiert (Universal- und Kulturgeschichte, der Blick auf weniger bekannte Details und das Verknüpfen zu neuen Zusammenhängen zum Beispiel). Stilistisch ist mir als leicht amüsant aufgefallen, daß Bauer mit besonderer Vorliebe Bindestrich-Adjektive wie nationalstaatlich-demokratisch, universal-historisch, rationalistisch-intellektuell, mystisch-numinos, theoretisch-methodisch, naturrechtlich-aufklärerisch usw. usf. verwendet. Insgesamt liest sich „Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert“ für mich zu wenig detailliert und zu konventionell in der Herangehensweise, erfüllt den Zweck, eine einführende Lektüre für Interessierte zu sein, aber gut.

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3 Kommentare

  1. nebelmade said,

    Ich find’s lustig, wie wir über Kreuz lesen: du Historiker, ich Soziologen. Aber soviel Unterschied ist da nicht, wie ich angesichts Elias‘ einleitender Suada, das Konkurrenzverhältnis zw. Geschichte und Soziologie betreffend, entnehmen konnte. Obwohl einige seiner Kritikpunkte an der Geschichtswissenschaft nach wie vor valide sind, sind es andere mittlerweile nicht mehr… frage mich nur, ob das auch bezüglich seiner Sicht auf die Soziologie gilt.

  2. Kiya said,

    Ich habe noch mal einen Blick in mein Regal geworfen und wie vermutet – den Elias habe ich nicht erworben. Ganz ausreichend war mein Interesse dafür wohl nicht. Kann ja bei dir mal reinlesen 🙂

    Letztlich sind mir Fachgrenzen da vollkommen gleichgültig, es können auch andere Richtungen wie Ökonomie einiges zum Thema beitragen (die Politikwissenschaften – zugegeben – eher weniger). Am Ende ergänzen sich die Sichtweisen recht glücklich.
    Das nächste mir zusagende historische Mammutwerk habe ich mir trotzdem bereits vorgenommen, es werden 6 Bände, von denen im Herbst der zweite erscheint. Band 1 werde ich mir demnächst mal zulegen: http://www.amazon.de/Geschichte-Welt-1870-1945-Weltm%C3%A4rkte-Weltkriege/dp/3406641059/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1376809610&sr=8-2&keywords=geschichte+der+welt

    Welche Kritikpunkte an der Geschichtswissenschaft äußert Elias denn (das dürfte kaum vertieftes Thema unserer Elias-Seminarbeiträge gewesen sein ;-)) und was zur Soziologie (da könnte ich ja vielleicht weiterhelfen, ob es noch zutrifft)?

    • nebelmade said,

      Im Großen und Ganzen den, daß Geschichte irgendwelche Geschehnisse immer unter der Gesichtspunkt ihrer Einmaligkeit betrachte, d.h. wenig verallgemeinere, und eher Einzefälle bis ins Detaillierteste ausklamüsere, statt nach eventuellen dafür verantwortlichen allgemeineren Gesetzmäßigkeiten zu suchen, was Elias für die Domäne der Soziologie hält. Aber wie gesagt, ich halte das für antiquiert, und versuche selbst bei meinen Arbeiten auf eine möglichst abstrakte Ebene hinter den Geschehnissen zu kommen, wobei das eher der Schulung in der naturwissenschaftlichen Methode zu verdanken ist; inzwischen ist der Fokus auf den Mechanismen hinter den Gechehnissen angekommen. (Aber meine Lektüre des Einleitungskapitels ist jetzt schon eine Weile her, also kann ich nur auf den allgemeinen Eindruck zurückgreifen und keine Details berichten.)
      Wenn du Lust hast, kannst du dir den Elias ja noch gönnen, ich denke, er könnte sehr unterhaltsam für dich sein: höfisches Zeremoniell, Bauformen und deren symbolischer Gehalt, Diener- und Höflingshierarchien; daß Ludwig XIV. seine Gnade/Ungnade beim Lever durch Verleihung/Entziehung des Rechts, den rechten Ärmel seines Nachtgewandes zu halten, ausdrückt…

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