Mervyn Peake: Gormenghast

Juni 29, 2013 at 16:06 (gelesen)

Ein Hurra auf die „Bücher, die man gelesen haben muß-Challenge“: endlich habe ich „Gormenghast“ beendet, ein Buch, das seit Jahren auf meinem SuB liegt! Streng genommen liegt dort zwar die „Gormenghast Trilogy“, aber weil ich seinerzeit das Englisch nicht ganz einfach fand, habe ich mir Band 1, „Der junge Titus“, noch einmal auf Deutsch in der Klett Cotta-Ausgabe gekauft, und immerhin diesen Band habe ich nun gelesen.

„Schloss Gormenghast beherbergt das alte Geschlecht der Grafen von Groan. Hinter den Mauern geht die Zeit ihren eigenen Gang, auch als Titus, der 77. Erbe seines Geschlechts, geboren wird. Begleitet von rätselhaften Zeremonien pflegen die Schlossbewohner ihre Gewohnheiten.“

Einen gewissen Durchhaltewillen habe ich für den 1946 erschienenen Fantasy-Klassiker allerdings benötigt. Um ein Challenge-Strafbuch zu vermeiden, sollte es noch in diesem Monat beendet werden, so daß ich mir für jeden Tag zwei Kapitel auferlegte. Mehr oder weniger hat diese Strategie funktioniert.

Dabei ist „Gormenghast“ ein faszinierendes Werk und zu Recht vielbeachtet. Es ist voller labyrinthischer Räume in einem von der Außenwelt nahezu abgeschlossenen Schloß, erstarrter Strukturen, in die langsam der Hauch der Veränderung kriecht, und eigenartiger Personen, von denen man wohl keine als sympathisch bezeichnen würde – im Gegenteil erschienen sie mir eigentlich alle mehr oder weniger widerwärtig. Die Sprache ist blumig-detailverliebt und ergänzt den Inhalt somit perfekt. Einige Bilder wie das des Grafen als Todeseule sind schwer wieder aus dem Kopf zu verbannen.

Spannung dagegen wollte nicht so recht bei mir aufkommen, und es fiel mir nicht schwer, das Buch immer wieder aus der Hand zu legen – sicher eine der Gründe, weshalb ich so lange dafür gebraucht habe. Die Handlung kommt nur schwer in Gang und verläuft bis zum Schluß lähmend langsam – aber das paßt letztlich auch. „Gormenghast“ ist sicherlich ein Buch der Beschreibung, nicht der Aktion.

Vollkommen gelungen sind die zahlreichen exzentrischen Figuren, die in ihren ausgetretenen Pfaden zu folgen versuchen, in ihrer Zeichnung, ihrem unterschiedlichen Sprachduktus, ihren skurrilen Angewohnheiten. Nur weil man ihnen als Leser so nah kommt, kann man ermessen, was es bedeutet, wenn ihre Welt der alten, sicheren Rituale zu bröckeln beginnt. Wahnsinn, Intrigen und Mord ziehen ein in Gormenghast – und dazwischen immer der kleine Titus, der einmal der 77. Graf Groan werden soll.

Das Lesen hat sich gelohnt, auch wenn „Gormenghast“ nicht das Zeug zu einem Lieblingsbuch hat: es ist – wenn auch sperrig – jedenfalls etwas Besonderes, und die dunkle, verworrene Atmosphäre wird mir sicherlich im Gedächtnis bleiben. Das Feld ist abgesteckt, es bleibt abzuwarten, wie die Folgebände das nutzen (diese will ich mir dann aber im Original vornehmen).

„Gormenghast – oder genauer: der größte Teil des alten Mauerwerks – hätte, für sich gesehen, eine bestimmte, eindrucksvolle Bauweise repräsentiert, wäre es nur möglich gewesen, jene umliegenden schäbigen Behausungen zu ignorieren, die sich wie eine krankhafte Wucherung um die Außenmauern legten.“

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6 Kommentare

  1. Mila said,

    Das ist eins dieser Bücher auf der Liste, die sich bis jetzt komplett meiner Aufmerksamkeit entzogen haben. Hättest du mich gefragt, ob es drauf steht, hätte ich es wahrscheinlch nein gesagt. Herrje, und jetzt kommt das auch noch auf mich zu, dabei sind „Bücher der Aktion“ bei mir grad wesentlich angesagter, als welche „der Beschreibung.“ Nunja. Ich bin ja auch schon oft genug positiv überrascht worden, also mal schauen. 🙂

    Ps: Glückwunsch zur Halbzeit!

  2. Kiya said,

    Dann lesen wenigstens doch mal nicht alle Challenge-Teilnehmer die gleichen Bücher 😉 „Gormenghast“ hatte ich mir von Anfang an vorgenommen, bin sehr froh, es nun abhaken zu können – es ist aber für mich eines der Bücher, mit denen ich beim Lesen ein wenig gehadert habe, die ich aber im Nachhinein doch als lesenswert beurteilen würde (manchmal ist es ja anders herum).

    Du hast ja noch Zeit – vielleicht kommt die Beschreibungs-Buch-Muße ja im Herbst oder Winter 😉

  3. Winterkatze said,

    „Gormenghast“ gehört zu den Büchern, bei denen ich immer denke, dass ich sie (so als Klassiker der fantastischen Literatur 😉 ) gelesen haben sollte – und die doch nie auch nur in die Nähe des Einkaufskorbs wandern. 😀 Danke, dass ich durch dich jetzt immerhin einen ersten Eindruck von dem Roman bekommen habe. Vielleicht sollte ich mal einen Versuch wagen … im Herbst … und mit einem strengen Kapitelplan … 😉

  4. Kiya said,

    Wenn man weiß, daß man so etwas für eine Challenge nutzen kann, ist das ein schöner Leseschub, habe ich festgestellt – vielleicht geht es dir ja ähnlich. Und es ist wirklich ein interessantes Stück Literatur… Kennst du die Verfilmung? Ich bisher nicht, aber ich wäre durchaus neugierig auf die Umsetzung.

  5. Winterkatze said,

    Nein, die Verfilmung kenne ich auch nicht. Eigentlich ist mir „Gormenghast“ nur als Titel untergekommen oder als etwas, worauf in anderen Romanen angespielt wird.

  6. Kiya said,

    Ich habe in einige Ausschnitte bei youtube reingesehen – sieht… interessant aus 😉

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