[Erinnerungsversuch] Schullektüre

Juni 17, 2013 at 18:21 (Aktionen)

IMG_0422Das Thema habe ich mir bei Neyasha mitgenommen. Ich fand es gar nicht einfach, mich daran zu erinnern, was ich zu Schulzeiten so lesen „mußte“, vor allem weil ich bei einigen sehr unschlüssig war, ob ich sie im 1. Germanistik-Semester oder im letzten Schuljahr gelesen habe (unsicher bin ich mir nach wie vor bei Thomas Bernhard und dem Werther, aber ich tendiere hier zu Studium). Im Allgemeinen war das Studium hinsichtlich der Lektüre aber schon ergiebiger, weil ich mir dort meine Schwerpunkte selbst setzen konnte.

Übel nehme ich meinen Lehrern, daß wir aus der Romantik nur Lyrik und zudem weder Dürrenmatt noch Schnitzler gelesen haben. Sehr froh bin ich dagegen, daß mir die heute so beliebten, vermeintlich aktuellen und äußerst hassenswerten Schulproblem-Lektüren à la Mobbing, Amok, Scheidungskinder und tralala erspart geblieben sind.

Ansonsten versuche ich die Kommentare kurz zu halten, es gibt nur Stichworte zu meinen spontanen Gedanken. Und das ist die Liste, grob geordnet nach Gefallen (nach einigem in-mich-gehen konnte mich an vieles wieder erinnern):

 

The Good:

Georg Büchner – Lenz

„Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf – bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Der Satz blieb mir bis heute im Gedächtnis 🙂

Michael Ende – Momo

Anne Frank – Das Tagebuch

Beide noch in der Grundschule gelesen und für gut befunden.

J.W.v. Goethe – Faust I

Vielleicht mein Favorit in dieser Liste – wie Shakespeare einfach über die übrigen erhaben. Faust II schätze ich mittlerweile noch mehr, den haben wir leider nur in Auszügen behandelt.

Hermann Hesse – Unterm Rad

War in der 9. Klasse gerade richtig. Ich habe dann noch einiges von Hesse gelesen, aber das ist so ein Autor, der seine Zeit hat, die irgendwann gegen Ende der Jugend vorbei ist, und mittlerweile mag ich nichts mehr von ihm lesen.

Thomas Mann – Der Tod in Venedig

Wunderbar! Die sprachliche Darstellung des Verfalls hat mich fasziniert.

George Orwell – Animal Farm

Morton Rhue – Die Welle

Eigentlich finde ich diese Art Geschichten in der Schullektüre doof, aber die beiden mochte ich, vielleicht weil sie das Thema übertragen bzw. sich eher generell auf Diktaturen beziehen.

William Shakespeare – Hamlet / A Midsummer Night’s Dream

Shakespeare auf Englisch hat mir die Augen dafür geöffnet, was die englische Sprache so alles kann. Leider habe ich insgesamt nicht viele Bücher im Englischunterricht gelesen, und auch diese erst in der Oberstufe. Das scheint sich an den Schulen mittlerweile zu verbessern.

 

The Bad:

Theodor Fontane – Effi Briest

Ich glaube, eine im Kurs mochte das Buch. Aber die mochte auch Schlager.

G.E. Lessing – Nathan der Weise

Beim Ringparabel-Auswendiglernen wurde ich gezielt krank. Die Art und Weise der Religionsdebatten hat mich ziemlich verärgert. Ich bin dann wieder Nietzsche lesen gegangen.

Heinrich Mann – Der Untertan

Klaus Mann – Mephisto

Von Thomas abgesehen ließ sich für mich mit dem Rest der Mann-Sippe nicht viel anfangen. Ich vermute immer noch, daß man diese Bücher nur wegen der berühmten Verwandtschaft noch liest.

Thomas Mann – Mario und der Zauberer

Hier nehme ich an, daß ich zu jung war; seinerzeit hat mich das Buch kalt gelassen. Umso überraschter war ich, daß mir einige Jahre später „Der Tod in Venedig“ so gefiel.

Joseph Roth – Hiob

Einfach gräßlich. Ein Stoff, der mich die Wände hochgehen läßt.

Friedrich Schiller – Kabale und Liebe / Don Carlos

Immer dieser Schiller… Was rechtfertigt eigentlich, so viel Schiller und so wenig Goethe zu lesen? Schiller war doch schon im zeitgenössischen Blick niedriger angesiedelt.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Es ist das Buch auf dieser Liste, das mir zuletzt einfiel. Das sagt doch genug. Ich glaube, Betroffenheitsgedöns.

Bernhard Schlink – Der Vorleser

Das fand ich so richtig uninteressant. Ich habe nach wie vor keinerlei Lust, mehr von dem Autor zu lesen.

Sophokles – Antigone

Theodor Storm – Der Schimmelreiter

 

The Rest:

Daniel Defoe – Robinson Crusoe

Evtl. nur in Auszügen. Diese Wrack-Sammelei am Anfang gefiel mir immer.

William Golding – Lord of the Flies

Das war mein Wahlbuch im Englisch-LK. Die Idee war, daß jeder einen Vortrag zu einem englischen Klassiker hielt, was eine schöne Sache war, weil man so einen Einblick in viele Bücher erhielt. Ich glaube, es war okay, hat mich aber nicht nachhaltig beeindruckt.

Gottfried Keller – Kleider machen Leute

Haben wir in der 8. Klasse gelesen, das könnte für mich etwas zu früh gewesen sein. Mittlerweile mag ich Keller nämlich.

Max von der Grün – Vorstadtkrokodile

Hugh Lofting – Doktor Dolittle und seine Tiere

Einfach zu lange her, ich kann mich an meine damaligen Lesereaktionen nicht mehr erinnern. Im Nachhinein finde ich es aber gut, daß wir mit zweiterem so früh schon einen Kinderklassiker gelesen haben.

Dieter Noll – Die Abenteuer des Werner Holt

E.M. Remarque – Im Westen nichts Neues

Nun ja. Krieg halt. Davon kriegen Lehrer ja nie genug. Das Leseerlebnis war aber in Ordnung.

Friedrich Schiller – Die Räuber / Maria Stuart

Habe ich etwas wohlwollender beurteilt als die oben genannten.

William Shakespeare – Romeo und Julia

Hat mich schlicht von der Geschichte nicht so begeistert wie andere Shakespeare-Titel. Sprachlich ist es sicherlich dennoch auf dem üblichen Niveau, aber da wir das Buch auf Deutsch gelesen haben, kann ich dazu nicht viel sagen.

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9 Kommentare

  1. nebelmade said,

    „äußerst hassenswert“ – Formulierungsdaumen hoch!
    So groß ist meine Schullektürenliste nicht, aber ein paar kleine Verschiebungen gegenüber deinen habe ich doch:
    Bei mir „The Good“:
    Sophokles‘ „Antigone“ (bin ja allgemeiner Antikenfan und hatte zu der Zeit bereits die griechischen Klassiker – Tragödien und Komödien – komplett durchgeschwartet, außerdem gefiel mir die Reaktion Haimons gegenüber Kreon, als er die erhängte Antigone im Kerker findet – „Er spuckt ihm ins Gesicht“)
    „Die Räuber“ (Handlung käsig, aber in wunderbar schäumender Sprache ausgedrückter Rebellengeist und Problematik der Selbstjustiz interessant),
    „Faust I“ (klar)
    und „Hamlet“ (das dt./engl.).
    The Bad:
    „Werther“ (ohne Ende jammrig und miserables Frauenbild – aber die Relektüre liegt diesen Sommer vor mir, mal sehn, was ich dann sagen werde)
    „Kabale und Liebe“ (wurks, wieso muss ich gegen einen erpresserischen Schleimscheißer ehrlich sein???)
    [Don Carlos fand ich im Theater dagegen letztes Jahr grandios.]
    „Effi Briest“ (das ist echt das einzige Buch, das ich zu Schulzeiten nicht komplett gelesen habe, weil ich es nicht über mich brachte – und das angesichts dessen, dass ich ansonsten alle Lektürebücher vor der Diskussion im Unterricht komplett durchlas, um eine eigene Meinung zu haben)
    „Der Untertan“ (gräßlich, am Stück in einer Nacht durchgeschwartet, um es hinter mir zu haben).

    Finde es grad amüsant und unterhaltsam, hier so einen Beitrag zu sehn. 😉 Vielleicht mach ich auch mal so einen. *hmmm*

  2. Kiya said,

    Also, beim Thema „The Bad“ scheinen wir uns recht einig zu sein 😉 Jetzt mal vom Schiller abgesehen.

    Ich glaube, mit Sophokles und mir wird das nicht so recht was, vor kurzem habe ich ja nun noch den „König Ödipus“ gelesen und auch der ist mir nicht so recht als bemerkenswert im Gedächtnis geblieben.

    Du hattest den LK Deutsch nicht, oder? Da kam natürlich noch mal einiges an Lektüre zusammen. Ansonsten habe ich noch einige Hefter, die meine Erinnerung gestützt haben 😉

    Freu mich auf deinen Beitrag 🙂 Mit etwas Grübelei kommt bei dir bestimmt auch eine schöne Liste zusammen.

  3. Neyasha said,

    Super, dass du dich auch an eine Auflistung gewagt hast! 🙂

    Bin ich eigentlich die einzige Person, die „Effi Briest“ gut fand? Ich hab das allerdings erst im Studium gelesen und bin der Meinung, dass Fontane sehr gut darstellt, wie es wohl einer jungen Frau damals wohl ergangen ist, die in eine arrangierte Ehe mit einem Mann getrieben wird, der ja nicht mal direkt unsympathisch ist, aber einfach null Verständnis für ein 17jähriges Mädchen hat – und wie es diesem unerfahrenen Mädchen dann geht, nachdem es sich aus schierer Langeweile und dem Wunsch nach Abenteuer (und vielleicht Verständnis) einen Fehltritt geleistet hat.

    Wenn du bei „Robinson Crusoe“ die Wrack-Sammelei gleich am Anfang hattest, hast du übrigens wohl tatsächlich den Roman nur in Auszügen gelesen. *g* Denn es dauert ja ewig, bis es überhaupt mal zum Schiffbruch kommt – vorher ist ja noch diese andere Seefahrt, bei der er von Piraten überfallen und versklavt wird; und dann kauft er auch noch die Plantage ….
    Puh, bei dem Roman hab ich mich schon zu Tode gelangweilt, ehe mal der eigentlich bekannte Teil einsetzte. *gg*

  4. Kiya said,

    Nein, du bist nicht die einzige 😉 Wie gesagt, wir hatten auch eine im Kurs, und ab und an hört man gerüchteweise von weiteren Fontane-Liebhabern… Ich kann mit der ganzen literarischen Epoche nicht viel anfangen, Gottfried Keller ist wohl die Ausnahme. Mir ist Fontane stilistisch zu trocken und inhaltlich zu bieder. Im Studium habe ich mich ein kleines bißchen später orientiert, nämlich auf die Literatur um 1900.

    Dafür war ich so ziemlich die einzige, die damals „Tod in Venedig“ mochte 🙂

    Ich hab „Robinson Crusoe“ später noch mal gelesen, aber die Stellen, bevor er auf der Insel ankommt, sind seltsamerweise nie hängen geblieben und haben mich auch nicht recht überzeugen können – deshalb die Formulierung 😉 Der wichtige Teil beginnt für mich eben genau da: auf der Insel. Ich vermute aber wirklich, daß wir in der Schule nur Auszüge hatten, weil das in der 6. Klasse war und der ganze Roman uns vermutlich überfordert hätte.

  5. nebelmade said,

    Ich hatte nur den Grundkurs Deutsch… und hab den Eindruck, du hast mehr gelesen. Aber der Lk English wartete dafür mit Hellers „Catch 22“ und Vonneguts „Slaughterhouse 5“ auf (von welchen letzteres eine urgskomplizierte Lektüre und meines Erachtens echt zu schwer für einen Lk war). Ich werd‘ vllt. die Beiträge nach D und En trennen…
    (Und meine pro-Argumente für die alten Griechen kommen dann ebenfalls an Ort und Stelle; hier nur soviel: Artifizialität und Kunstgriffe, die ich auch in heutigen Theaterstücken noch genieße und goutiere. Außerdem les‘ ich grad Schlaffer weiter („Poesie und Wissen“, das suhrkampige ;)), und er hat auch einiges sehr interessante zur Antiken Tragödie zu sagen, ganz abgesehen von unserem allseits verehrten Hausheiligen Nietzsche.)
    Habe übrigens letztens tatsächlich Kleist gelesen („Prinz von Homburg“ und „Penthesilea“) und will jetzt wieder an Sophokles heran (der Beginn des „Ajax“ hat mich letztens – also vor ca. einem halben Jahr – schwer beeindruckt).

  6. nebelmade said,

    Ach ja, und übrigens: ich habe im Gk gleich zu Beginn, noch vor der Antigone-Lektüre meiner Lehrerin wider ihren Willen den Vortrag zur antiken Dramatik abgehandelt – wenn sie die Stunden gehalten hätte, wäre ich auch zu Hause geblieben. (Das schwor ich mir zumindest – hätte nicht dabei zusehen können, wie meine geliebten Griechen in den Staub getreten werden – aber es kam ja nicht zum Äußersten, denn ich durfte den Vortrag schließlich doch halten, und belegte die komplette Doppelstunde mit Beschlag. ;))
    Kranksein in der Oberstufe macht Spaß! 😉

  7. Kiya said,

    Ich mag die Antiken bisher lieber in den Reden und philosophischen Texten. Allerdings habe ich auch vieles noch nicht gelesen, evtl liegt es ja auch am Sophokles. Die „Odyssee“ nämlich ist schon sehr beeindruckend, und mit dem Ovid hatte ich auch meinen Spaß.

    Euer Englischlehrer mochte Zahlen, hm? 😉 Unsersetzbar in der Englisch-Oberstufe ist immer noch der Shakespeare, finde ich, darüber hinaus geht vieles, wobei zahlreiche englische Klassiker für den Schulunterricht wohl zu umfangreich sind. Könnte mir aber vorstellen, daß so etwas wie „Stolz und Vorurteil“, wenn nun auch von mir nicht so geliebt, im Unterricht wenigstens bei den Damen gut ankommen könnte. Ansonsten können Lehrer sich mittlerweile ja ganz gut bei „Rory’s Reading List“ inspirieren lassen ^^ http://thenovelworld.com/the-rory-gilmore-book-list/
    Vielleicht nehme ich mir die nächstes Jahr mal für eine 12-Bücher-Challenge vor…

    Von Kleist hatte ich das „Erdbeben in Chili“ im ersten Semester, habe ich auch in ganz guter Erinnerung. Dafür habe ich in dieser Zeit mit „Die neuen Leiden des jungen W.“ und Bertolt Brecht neue Gruselkandidaten kennengelernt.

  8. nebelmade said,

    Stimmt, „Stolz und Vorurteil“ ist ein guter Kandidat für Schullektüre. Und Shakespeare sollte genau wie Goethes „Faust“ unumgängliche Pflichtlektüre in den entsprechenden Kursen sein. Die „Neuen Leiden“ gab es bei uns im Gk gottseidank nur im Video, das ich so gut es ging versucht habe, zu ignorieren. Dafür war das Elend nach einer Doppelstunde dann auch vorbei. Puh!
    Von Brecht sind (denke ich) die Gedichte besser als der Rest. (Im „Hollywooder Liederbuch“ (eine Brecht/Eisler-Exilkooperation, die ich sehr mag) sind die Texte, auch wenn sie für sich allein stehen würden, sehr schön.)
    Und die Rory-Liste tu ich mir mal an….

  9. nebelmade said,

    Hab grad auf der Rory-Liste „Jekyll and Hyde“ entdeckt. Das haben wir natürlich im En-Lk gelesen und ich fand es richtig, richtig gut. Kann mich noch erinnern, es gab eine Erörterungsaufgabe dazu. Das Thema war „Utterson’s Guilt“, und man sollte argumentativ Stellung zu dessen Verhalten Jekyll/hyde gegenüber beziehen. Mir erschien das eine sehr lohnenswerte Aufgabe, und ich habe mit viel Verve auf 2 Druckseiten die These verfochten, dass es (auch als Freund) richtig ist, „to let everyone go to the devil in his own way“ (will heißen, auch wenn man Lebensentscheidungen von nahestehenden Personen nicht für richtig oder gar für verderblich hält, diese trotzdem ein Recht darauf haben, und man selbst konsequenterweise nicht dazwischenpfuschen sollte).

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