[Ich lese] Berlin / 30er Jahre

Februar 28, 2013 at 14:07 (Ich lese)

Das Berlin der 20er und 30er Jahre vom Ende der Weimarer Republik bis zur Zeit des Nationalsozialismus ist für Krimis natürlich ein spannender Schauplatz. Zwei Autoren, die Reihen in diesem Kontext angesiedelt haben, habe ich schon länger im Auge; jetzt habe ich die Bücher auch endlich da und konnte mir einen Leseeindruck verschaffen… Das schreit natürlich nach einem ersten kurzen Vergleich.

Philip Kerr ist ein britischer Autor und hat bereits 1989 seinen ersten Roman vorgelegt, der im besagten Setting spielt (übrigens stammt von ihm auch die Kinderbuchreihe „Die Kinder des Dschinn“ :-)). Inzwischen snd die Bücher um den Privatdetektiv Bernhard Gunther zu einer Reihe angewachsen. Unter anderem gibt es die „Berlin-Trilogie“ zu kaufen. Ich habe nun mit „Die Adlon Verschwörung“ – das ich als Mängelexemplar ergattern konnte – offenbar den 6. Teil erwischt und hoffe, trotzdem keine Einstiegsschwierigkeiten zu haben. Der Roman spielt 1934, die Nationalsozialisten sind also bereits an der Macht und spielen für die Handlung eine große Rolle.

Darin liegt ein Unterschied zu Volker Kutschers „Der nasse Fisch“, Band 1 der Reihe um Kriminalkommissar Gereon Rath, der zur Abwechslung mal in der Bibliothek verfügbar war. Mir ist die Reihe zuerst durch die stimmungsvollen Cover aufgefallen, bevor ich überhaupt eine Vorstellung vom Inhalt hatte. Der Autor ist an der ausgehenden Weimarer Republik besonders interessiert, das Buch spielt noch 1929 (die Folgebände jeweils ein Jahr später, insofern kommt man wahrscheinlich auch bei dieser Reihe irgendwann im Jahr 1934 an ;-)); außerdem scheint er bewußt auch gelegentlich von den politischen Ereignissen wegzugehen – Teil 2 der Reihe nimmt sich etwa die Filmindustrie vor.

Darüber hinaus kann ich noch nicht viel mehr sagen als daß mir beide Roman-Einstiege sehr gefallen haben, angemessen in der Darstellung einer Zeit mit vielen Schattenseiten scheinen und die Epoche wirklich lebendig werden lassen. Augenfällig sind neben der etwas abweichenden zeitlichen Schwerpunktsetzung auch stilistische Unterschiede, die schon am ersten Satz schön überspitzt deutlich werden:

„Wann würden sie zurückkommen?“ (Der nasse Fisch)

vs.

„Es war so ein Lärmen, wie man es aus der Ferne vernimmt und zunächst nicht einordnen kann: ein schmutziger Frachtdampfer, der die Spree hinunterstampft, das Schnaufen einer rangierenden Lok unter dem großen Glasdach des Anhalter Bahnhofs, der ungeduldige Odem eines gewaltigen Untiers – als wäre einer der steinernen Dinosaurier des Berliner Zoos zum Leben erwacht und rumpelte nun die Wilhelmstraße entlang.“ (Die Adlon-Verschwörung)

Und ja, der Eindruck, daß Kerr blumiger formuliert, bleibt auch weiterhin bestehen. Bei Kutscher sind Noir-Assoziationen sehr stark – was positiv gemeint ist.

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10 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Und schon ist „Der nasse Fisch“ in der Bibliothek vorgemerkt … 😀

  2. Kiya said,

    Mein Exemplar kann momentan nicht weitergelesen werden – mein Freund hat es sich geschnappt und läßt es nicht mehr los 😉 Und bestätigt die Noir-Empfindung nachdrücklich. Mal sehen, ob es dir auch so gut gefällt!

  3. Winterkatze said,

    Das ist ja schrecklich! Da hoffe ich, dass dein Freund ein schneller Leser ist! ;D Noir-Empfindungen klingen gut, auch wenn ich immer schnell schmolle, wenn es nicht gut gemacht ist. Auf jeden Fall bin ich auf das Buch gespannt! 🙂

  4. Kiya said,

    Ja, er liest glücklicherweise viel schneller als ich und verspürt überhaupt keine Neigungen, alle zwei Kapitel das Buch zu wechseln… 😉 Er ist schon zu 2/3 durch. Ich soll deine nicht-gut-gemacht-Befürchtungen zerstreuen (sagt er), aber ich glaube, er schreibt dazu selbst noch etwas.

    • Winterkatze said,

      Du hast da aber auch eine sehr seltsame Neigung kultiviert, wenn ich das mal sagen darf. 😀

      Prima! Dann hoffe ich mal, dass die Bibliothek mir das Buch zeitnah zur Verfügung stellen kann. 🙂

      • Kiya said,

        Ja, ich weiß 😉 Aber was soll’s – trainiert das Gedächtnis!

  5. Worobjow said,

    Die Befürchtungen kann ich wirklich zerstreuen. Es ist nicht durchgängig so schnodderig wie Chandler, hat aber auch diese Töne. Es ist nicht so pessimistisch wie Hammet, obwohl es trostlos ist. Irgendwie nimmt es die ganzen typischen Noir-Elemente auf und bastelt was wunderbar Eigenständiges draus. Man bemerkt die Einflüsse, ohne daß es abgeschrieben wird.
    Am besten gefällt mir aber, daß das Bucht Zeile für Zeile Geschichte atmet, man merkt, daß der Autor Geschichte studiert hat. Er schafft es wirklich prima, das Berlin der 20er Jahre lebendig werden zu lassen, ohne daß es einem wie Geschichtsunterricht vorkommt (was beispielsweise bei den Erben der Nacht von Ulrike Schweikert immer mal passiert). Straßennamen, politische Querelen, Denkweisen und Alltagsdinge sind so gut eingebaut und wirken unaufdringlich.

    Auch die sonstigen typischen Themen werden prima verarbeitet – die Vergangenheit, die den Helden einholt, eine verzehrende Passion, Verrat und das unabwendbare Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Bin gespannt, wie es endet. Schaff ich heute bestimmt noch…
    Selten so ein Buch gelesen, das den alten Noir-Geist besitzt, ohne aufgesetzt zu wirken. Wird bestimmt nicht lange dauern, bis die übrigen Bände hier sein werden. 😉

  6. Winterkatze said,

    @Worobjow: Das klingt sehr begeistert und sehr gut! 🙂 Sich beeinflussen zu lassen ist ja ein vollkommen legitimes Mittel, ich ärgere mich nur, wenn es billig nachgeahmt wirkt – was ja leider viel zu oft bei Kriminalromanen der Fall ist. Aber nach deiner Aussage bin ich optimistisch, dass mir der Roman gut gefallen könnte.

    Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Endspurt! 🙂

  7. Worobjow said,

    [quote]Dann wünsche ich dir viel Spaß beim Endspurt! [/quote]

    Oh, denn hatte ich in der Tat, und zwar so sehr, daß mich inzwischen alle vier Gereon Rath-Bände aus dem Bücherregal angrinsen… 😉

  8. Winterkatze said,

    Klingt gut (und gefährlich für den SuB). 😀

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