Antonia Michaelis: Solange die Nachtigall singt

Februar 1, 2013 at 14:06 (gelesen)

Viele Käufer dieses Buches haben offenbar vorher mindestens „Der Märchenerzähler“ gelesen und eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut. Für mich war es zwar nicht das erste Buch der vielgelobten Autorin (angefangen liegt bei mir noch „Tigermond“), aber doch das erste, das ich beendet habe.

Die anhaltende Konfusion und Rätselei in diversen Leserunden haben mich sehr neugierig gemacht und die Gestaltung ist insgesamt so gut gelungen, daß ich auch den Kauf des Hardcovers lohnenswert fand (und finde). Von den ersten Lesemeinungen her rechnete ich mit einem Buch, das verwirrend, grausam und dennoch sehr poetisch ist:

„Ein Haus, abgeschieden von der Zivilisation.
Ein Wanderer, der sich verirrt.
Ein Wald mit zu vielen Gräbern.

Völlig unverhofft trifft der achtzehnjährige Jari auf die geheimnisvolle Jascha, deren Schönheit er sich nicht entziehen kann. Er folgt ihr in das abgeschiedene Haus mitten im Wald, wo sie lebt. Und das, obwohl er spürt, dass dieser Ort ein düsteres Geheimnis birgt. Etwas ist geschehen. Etwas, das schrecklicher ist als alles, was Jari sich je hätte ausmalen können. Etwas, das ihn in tödliche Gefahr bringt.“

Beim ersten Durchblättern haben mich Kapitelüberschriften von „Flammseide“ über „Nebelmilch“ und „Heimlichweiß“ bis „Schattengold“ gleich in Stimmung gebracht. Die ersten Sätze um Jari, der sich nach seiner Ausbildung auf – so der Plan – dreiwöchige Wanderschaft in den Wald zwischen Polen, Tschechien und Deutschland begibt, haben demgegenüber erst einmal mein vorsichtiges Interesse geweckt. Das erste Kapitel „Dämmergrün“, in dem er in einer Galerie dem Mädchen Jascha begegnet, entwickelte sich dann aber überraschend, und schon hatte die geheimnisvolle Umgebung auch mich in ihren Fängen 🙂

Der Wald ist wunderbar beschrieben. Noch ist Sommer, doch mit dem Wechsel der Jahreszeiten verändert sich auch die Natur – als Leser erleben wir einen farbenprächtigen Herbst und einen schneereichen Winter mit; die Natur bleibt jedoch immer schön und voller Rätsel (und Gräber…), und genau das beschreibt Michaelis äußerst gekonnt. Die Bilder, die sie malt, sind eindrucksvoll; die reifen Beeren, der aufziehende Nebel, das Knacken im Unterholz – die Sprache ist eine große Stärke der Autorin.

Ohne diese tatsächlich sehr poetische Art der Darstellung wäre dieses Buch wohl nur halb so gut gelungen, denn inhaltlich geschieht neben verschiedenen Verwirrspielen im Mittelteil lange Zeit nicht viel: da ist Jascha, aber da sind auch all die Anzeichen dafür, daß mehrere Personen in dem abgelegenen Haus wohnen, die kaum auseinander zu halten sind – und wenn doch, kann man den eigenen Schlüssen niemals trauen. Jari verhält sich lange Zeit passiv, läßt sich treiben und hat mich damit zeitweise zur Weißglut getrieben.

Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel, die die Geschichte der drei Schwestern erzählen, eine manchmal schonungslos erzählte Entführungsgeschichte, die den Leser immer wieder aus der märchenhaften Gaukelwelt des Waldes in die Realität zurückkatapultiert. Blut, Gewalt und Rausch mischen sich dann auch in die Idylle des Waldlebens und führen zu einem packenden Finale, das tatsächlich alle Fragen beantwortet und einen konsequenten Schlußpunkt setzt. Sicherlich läßt sich das Buch mit viel Gewinn ein zweites Mal lesen – erst dann kann man den geschickten Aufbau wohl wirklich würdigen.

Für „Solange die Nachtigall singt“ muß man sich ein bißchen Zeit nehmen, die Bilder nachwirken lassen und versuchen, den Weg durch das kunstvoll errichtete Dickicht zu finden. Der Mittelteil ist ein wenig schwächer als Beginn und Ende. Das ändert aber nichts daran, daß dieser Roman insgesamt sehr überzeugend ist und eine ganz besondere Mischung aus Realität und Märchen schafft.

„Jaschas Gestalt schwamm vor ihm in den Farben des Herbstes – dem Rot wilder Hagebutten, dem dunklen Violett reifer Holunderdolden, dem Punk und Orange der Pfaffenhütchen. In Birkengelb schwamm sie und in Buchenbraun, in Pappelsilber und Erlengold und Essigbaumkarmin – und zwischen allem lag das Tiefgrün der Fichten wie ein dunkler, voller Baßton.“

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5 Kommentare

  1. nebelmade said,

    Außergewöhnlich, mal hier eine sehr stark u. durchgängig positiv ausfallende Kritik zu lesen. Auch wenn der „blood and gore and violence“- Teil sicher nichts für mich ist, finde ich doch (deiner Rezension folgend) die Waldbeschreibungen sehr interessant u. neugiererweckend.

  2. Kiya said,

    Naja, als negativ kann man wirklich diese Handlungsarmut im Mittelteil sein, in dem es ein bißchen hin und her geht – an der Stelle habe ich es auch für ein paar Wochen liegen lassen und erst mal nicht weiter gelesen. Ich bin aber generell geneigt, über kleine Plotschwächen hinwegzusehen, wenn ich dafür Originalitätspunkte vergeben kann 😉

    Ich fand den Gewaltanteil nicht schlimm, aber da reagiert ja jeder anders. Manche Leser projizieren generell erstaunlich viele Moralvorstellungen auf ihre Lektüre.

  3. nebelmade said,

    Ich habe es nicht so mit literarisch dargestellter Gewalt, aber nicht aus moralischen Gründen, sondern weil ich sie nicht für interessant halte und dahinter meist ziemlich platt die „ich-will-die-Leser-schocken“-Absicht des Autors zum Vorschein kommt. Fiese Bösewichter, die überzeugend gezeichnet sind (auch in ihren Untaten) konsumier ich ab und an gerne.

  4. Kiya said,

    Jetzt hätte ich gern ein paar Empfehlungen 🙂

  5. nebelmade said,

    Ich such mal….
    (Eins ist auf jeden Fall der Böse aus Bulwer-Lyttons „Letzten Tagen von Pompeji“, aber Vorsicht, die Heroine ist extrem christlich-gutmenschlich!)
    Wenn ich mehr finde, geb ich Bescheid. 😉

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