Mathias Malzieu: Die Mechanik des Herzens

Januar 9, 2013 at 14:33 (gelesen)

Das Buch hat ja nun schon viel Aufmerksamkeit erhalten – hier also noch ein bißchen mehr. Daß ich es auch einmal lesen würde, hätte ich ursprünglich nicht vermutet, denn auch wenn ich das Cover recht hübsch finde, hat mich der Klappentext eher abgeschreckt, der nach reichlich Zucker und märchenhafter Romantik klang. Und die Rezensionen fielen ja offenbar auch eher gemischt als in-den-Himmel-lobend aus.

„Jack ist ein besonderer Junge. Seit seiner Geburt hat er ein mechanisches Herz in Form einer Kuckucksuhr, die jeden Tag neu aufgezogen werden muß. Nur eines muß er dabei bedenken: Er darf sich niemals verlieben, denn das würde sein zartes Uhrwerk nicht aushalten. Als Jack eines Tages die bezaubernde Tänzerin Miss Acacia kennenlernt, spielt sein Herz sofort verrückt. Doch er läßt sich nicht entmutigen und kämpft um seine Liebe…“

Neu auf die Spur gebracht hat mich die das Buch begleitende CD „La mécanique du coeur“ der Band Dionysos, in der Malzieu singt. Die Musik vertont die Stationen des Buches von „Le jour le plus froid du monde“ über „Flamme à lunettes“ und „Thème de Joe“ bis „Tais-toi mon coeur“ enorm abwechslungsreich und gefiel mir, insofern habe ich mir die Sache mit dem Buch doch noch einmal überlegt.

Ich plante also einen Versuch mit der französischen Originalausgabe, da gerade einigermaßen lyrische Texte in einer deutschen Übersetzung ja gerne grenzwertig werden. Da ich in der Bibliothek aber der deutschen Ausgabe habhaft werden konnte, habe ich nun doch diese gelesen (was immerhin deutlich schneller ging, gar so gut ist mein Französisch nun auch nicht) und mich mit einigen Sprachvergleichen begnügt.

Insgesamt bin ich von dem Buch positiv überrascht. Es ist nicht so unschuldig-süßlich wie befürchtet, sondern – in typisch französischer Manier – gelegentlich recht anzüglich, auch mal gewalttätig – so gibt es einen Uhrzeiger, der sich durch ein Auge bohrt – und voller Skurrilitäten wie dem Hamster Cunnilingus oder dem Mann mit der rostenden Wirbelsäule. Nicht zuletzt versucht Jack mittels seiner Kuckucksuhr in der Geisterbahn die Leute zu erschrecken. Die Komplexität von Handlung und Figuren ist allerdings eher gering, was sich aber möglicherweise auf die Kooperation mit einer musikalischen Umsetzung zurückführen läßt.

Zum ganz und gar oberflächlichen Vergleich zweier kurzer Stellen – beide stammen aus einem Lied Jacks, das ihm in den Sinn kommt, als er die Tänzerin Miss Acacia zum ersten Mal sieht.

(1)

J’ai perdu mes lunettes / enfin j’ai pas voulu les mettre / alles me font une drôle de tête / une tête de flamme… à lunettes.

Tja, meine Brille ist verlegt / Doch hat mich das nicht aufgeregt / Ich setz sie nicht so gerne auf / denn damit seh ich albern aus.

(2)

On s’frottera l’un contre l’être à s’en faire cramer le squelette / et à l’horloge de mon coeur à minuit pile on prendra feu / pas même besoin d’ovrir les yeux.

Wenn wir einander tief berühren / Und unsre Knochen schier verglühn / und unsere Körper Funken sprühn / Schlägt pünktlich nachts zur Geisterstunde / Die Uhr in meines Herzens Wunde, / Augen brauchst du dafür keine / Ich lasse dich nicht mehr alleine.

Beim Vergleich der Fassungen ist mir zuerst aufgefallen, wie stark die Bilder waren, die der Originaltext in meinem Kopf erzeugte; das ist der Übersetzung leider gar nicht gelungen. In der Übersetzung tritt zudem dieser lästige Leierrhythmus auf, inhaltlich entspricht es allerdings ungefähr dem Original. Schön sind – hier wie im Rest des Buches, soweit ich es überblicken kann – im Französischen die sich durchziehenden starken Feuermetaphern, um die sich auch die Übersetzung bemüht, die aber nicht so ausdrucksstark gelingen. Eingeführt wird dies im Original bereits mit „une tête de flamme… a lunettes“, wohingegen die Übersetzung das Motiv an dieser Stelle überhaupt nicht aufgreift.

Gedichte zu übersetzen ist natürlich eine äußerst undankbare Aufgabe, die nie wirklich gelingt, aber falls jemandem der deutsche Text etwas plump erschien, könnte man es wohl einmal mit dem Original versuchen. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, daß bei „Die Mechanik des Herzens“ nicht jeder das bekommen hat, womit er aufgrund der geweckten Erwartungshaltung rechnete – hier geht es nicht nur um Liebe, sondern vor allem auch um Leidenschaft (entsprechend der französische Klappentext: „Mais gare aux passions!“ ;-)), und das sprachlich durchaus poetisch.

Ein Buch also, das mir wider Erwarten recht gut gefiel, ohne daß es das Potential hätte, lange hängen zu bleiben – dafür fehlt etwas mehr inhaltliche Substanz. Was bleibt, sind vor allem sprachliche Schönheit und einige ziemlich französische Charakterzüge.

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