Charlotte Brontë: Jane Eyre

November 20, 2012 at 17:02 (gelesen)

Nachdem ich mit „Stolz und Vorurteil“ zunächst nicht warm geworden bin, habe ich mich eine Weile von den englischen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts ferngehalten. [Offenbar stehen sich Austen- und Brontë-Anhängerinnen gelegentlich unversönlich gegenüber – macht aber nichts, ich erwähne beide dennoch im Zusammenhang]

Motiviert zum Neuanfang haben mich Jasper Ffordes „Der Fall Jane Eyre“ sowie eine gewisse studienbedingte Sättigung mit deutschen Klassikern. Zudem war die Penguin-Ausgabe, als sie mir für die üblichen 3 € im Buchladen unterkam, schnell gekauft – und die Originalsprache sollte es hier unbedingt sein, weil ich den Verdacht hatte, daß mir Jane Austen auch durch die Übersetzung vergällt wurde.

Diesmal nur ein Teil des Klappentextes, weil die zweite Hälfte noch mehr vom Ende verrät (da die Geschichte so bekannt ist, bin ich sowieso immer wieder unerwartet über Spoiler gestolpert – rechnet offenbar niemand damit, daß jemand das Buch noch nicht gelesen haben könnte *seufz*):

„Orphaned into cold charity at the hands of her rich cousins and, later, at Lowood School, Jane escapes to take up a position as governess to the young ward of Mr Rochester. Their love affair, Jane’s discovery of Rochester’s secret – hideously concealed in the attic of Thornfield Hall – and her desperate flight are told in a drama of passionate intensity whose pace never slackens.“

Das Buch ist kein Leichtgewicht und neben „Mansfield Park“ und „Moby Dick“ das umfangreichste Buch meiner Popular Classics-Sammlung. Ich habe dann auch (bedingt durch hemmungsloses Parallellesen) lange dafür gebraucht und insgesamt und mit Unterbrechungen ziemlich genau zwei Jahre daran gelesen. Daraus sollte man nicht schließen, daß das Buch mich nicht fesseln konnte, diese Lesedauer ist für mich überhaupt nicht ungewöhnlich.

Die Handlung umspannt mehrere Jahre, was Gelegenheit gibt, handlungsärmere Passagen kürzer zusammenzufassen. Das ist auch gut gelungen, insgesamt erschien mir „Jane Eyre“ niemals langatmig, und obwohl viel geschieht, entsteht kein Eindruck von Hektik. Jane Eyre begleitet der Leser von ihrer Kindheit über ihre Zeit als Gouvernante bis zum Auf und Ab ihrer Beziehung zu Rochester, wodurch das Buch Züge eines Entwicklungsromans trägt.

Das Englisch empfand ich als nicht besonders schwierig, aber elegant – von einem Erzählfluß kann man bei „Jane Eyre“ wirklich sprechen. Schön sind die etwas längeren Sätze; in aktuellen Büchern stört mich oft der abgehackte, simple Stil, der dann noch schlimmer wird, wenn aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, was an den Eigenheiten des Deutschen liegt. Französische Absätze gibt es im Gespräch mit Janes Schülerin, die erfreulicherweise nicht übersetzt wurden. Einige deutschsprachige Zeilen sind übrigens auch zu finden.

„Jane Eyre“ hat eine düstere Grundstimmung. Die plapperig-leeren Dialoge, die mir bei Jane Austen so auf den Keks gingen, konnten mich hier also nicht stören 🙂 Im Gegenteil; die Dialoge – insbesondere zwischen Jane und Mr Rochester – sind geistreich und niemals langweilig . Einige Gothic Novel-Elemente sind enthalten, dominieren aber nicht. Geradezu klassisch ist die Abstimmung von Wetter und Landschaften auf den Gemütszustand der Charaktere, Einblicke in Gepflogenheiten und Mißstände der Zeit tragen ebenfalls zum Flair bei.

Jane ist ein vielschichtiger, eigenwilliger, ernsthafter und etwas spröder Charakter, den ich schnell mochte – umso stärker wirken die Szenen, in denen sie sehr emotional wird. Sie geht eigenständig ihren Weg und versucht stets ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Mia Wasikowska hat sie für mich in der neuen Verfilmung ziemlich passend dargestellt. Edward Rochesters Filmdarstellung lag mir dagegen weniger. Auch von seinem kantigen, launischen Charakter hatte ich beim Lesen ein starkes Bild.

Alles in allem ist „Jane Eyre“ von Anfang bis Ende ein Lesegenuß und zurecht ein so bekannter, vielgelobter Klassiker. Ich bin sehr froh, dazu gegriffen zu haben, und bin auf weitere Bücher der Brontë-Schwestern gespannt (schließlich habe ich da ja nun den tollen Schuber… ;-)). Das nächste wird (nach einem zweiten Austen-Versuch mit „Northanger Abbey“) sicherlich „Wuthering Heights“.

„There was no possibility of taking a walk that day. We had been wandering, indeed, in the leafless shrubbery an hour in the morning; but since dinner (Mrs Reed, when there was no company, dined early) the cold winter had brought with it clouds so sombre, and a rain so penetrating, that further outdoor exercise was now out of question.“

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5 Kommentare

  1. nebelmade said,

    Dieses Buch wartet ja auch schon in meinem Regal auf das Gelesen-werden. (Habe übrigens in einer Sendung zu Anna Seghers mit Reich-Ranicki („Lauter schwierige Patienten“) dessen streitbare Äußerung gehört, dass Frauen in Deutschland keine Romane schreiben können – im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen bedeutende von Frauen geschriebene Romane keine Seltenheit sind – sicher auch in Anspielung auf Bronte&Co.) 😉
    Ich wünsch dir viel Spaß mit Austen und bin gespannt auf deine Meinung.

  2. Kiya said,

    Immer diese möchtegernstreitbaren Frauenthesen… 😉

    Bin gespannt, ob du dich nach dem Lesen auf die Bronte- oder auf die Austen-Seite schlägst! Wahrscheinlich kann man ruhigen Gewissens auch beide mögen. „Northanger Abbey“ läßt sich bisher nicht schlecht an, aber dieses irgendwie Schwatzhafte stelle ich auch im Originalton fest.

  3. nebelmade said,

    Hab’s grad angefangen, und finde die Prosa in ihrer Mischung aus bisweilen spröde wirkender, distanzierter ex-post-Betrachtungsweise und treffender, dichter und intensiver Atmosphärenevokation sehr anziehend. Austens Welt ist natürlich demgegenüber wesentlich harmloser; aber ich habe „Pride and Prejudice“ auch mit der Absicht in die Hand genommen, leichteres und schmonzettiges zu lesen. Dass darin aber darüber hinaus auch interessante Anspielungen auf den zeitgenössischen Diskurs zur Frauenrolle zu finden waren (worauf mich das exzellente Nachwort meiner Penguin-Ausgabe hinwies), war ein zusätzliches Bonbon.

  4. Kiya said,

    Ich weiß, was du meinst (lustig, daß uns offenbar beiden das Wort spröde einfiel?) – das alles hat dazu beigetragen, daß ich mit der Protagonistin Jane viel schneller warm geworden bin als ich vermutet hatte 🙂

    Austen scheint typischerweise wirklich so eine gewisse Leichtigkeit zu besitzen. – Wobei das eine Arbeitshypothese ist; von „Mansfield Park“ z.B. sind ja viele dann nicht mehr so begeistert; möglich also, daß da auch noch andere Facetten zu entdecken sind.

  5. nebelmade said,

    Dann viel Spaß beim Entdecken! 😉

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