Ju Honisch: Salzträume I

Oktober 14, 2012 at 13:23 (gelesen)

Lange hat es gedauert, wie auch schon beim Vorgänger, dem „Obsidianherz“, denn die Bücher von Ju Honisch kann ich grundsätzlich nicht so richtig am Stück lesen (weshalb „Salzträume“ dann Badezimmerlektüre wurde) – aber nun ist das Buch geschafft und wieder bin ich in meiner Meinung ziemlich zwiegespalten.

„Wir schreiben das Jahr 1865. Im Ausseer Land, einem österreichischen Landstrich von mystischer Schönheit, entwickelt ein skrupelloser Erfinder mit Unterstützung eines mächtigen Magiers eine schreckliche Waffe. Die Maschine soll Magie in militärische Zerstörungskraft umwandeln und die Lebenskraft der Fey soll der Waffe dazu die Energie liefern! Die junge Charlotte von Sandling stellt sich unwissentlich diesen finsteren Plänen in den Weg, als sie einen der Fey aus der Gefangenschaft befreit.

Doch der Gerettete erweist sich weniger als Verbündeter denn als gefährlicher Freund. Als zur selben Zeit ein junger Mann spurlos verschwindet und kurz darauf der britische Ex-Agent Delacroix und der Magier McMullen, die auf seiner Spur waren, wie vom Erdbeben verschluckt sind, mehren sich die Anzeichen, daß sowohl Menschen wie Fey in Gefahr sind! Nur gemeinsam kann es gelingen, das Unheil abzuwenden.“

Ich möchte diese Reihe wirklich mögen. Ich finde es großartig, daß der sehr deutlich an Castle Falkenstein angelehnte Hintergrund hier in ein Romanformat gebracht wurde, und mag diese Atmosphäre sehr. Steam oder Gadgets gibt es hier allerdings wenig – was der Leser bekommt, ist viktorianische Fantasy mit Feen. Der Aufhänger der Handlung interessiert mich normalerweise auch und alles in allem läßt sich viel daraus machen. Auch die Autorin, die ich zuerst auf einer Buchmessen-Lesung kennengelernt habe, ist sehr sympathisch, und die Feder&Schwert-Ausgaben gefallen mir – wenn ich über die saumäßig schlechte Bindung des „Obsidianherzes“ mal hinwegsehe, das schon beim ersten vorsichtigen Lesen auseinanderbrach.

Die Autorin hat offenbar lange keinen Verlag gefunden, und ich freue mich immer noch, daß Feder&Schwert sich zur Veröffentlichung entschlossen haben. Trotzdem hätte ich mir stärkere Eingriffe im Lektorat gewünscht, denn das Potential scheint mir auch in „Salzträume“ nicht ganz ausgenutzt; es gibt immer wieder Punkte, die mich ärgern, gerade weil der Ansatz so schön ist.

Zunächst mal sind die Personen flach. Es wird versucht sie unterschiedlich zu gestalten, aber für mich funktioniert das nicht, zumal auf Stereotypen zurückgegriffen wird. Die auftretenden Damen sind allesamt hübsch und ein wenig kapriziös-frech-rebellisch, die Herren sind sehr edelmütig und von diffusen Ehrbegriffen erfüllt – Klischees, die man bereits zur Genüge kennt. Sie wecken kein Interesse in mir, weil sie völlig durchsichtig gemacht werden. Jeder kleinste Gedanke, jede Motivation wird bis zum Exzeß wiedergegeben und hin und her gewälzt, und das auch noch oft nicht gerade im Sinne des „show don’t tell“. Ju Honisch hat nicht die von mir (wenn vorhanden) sehr bewunderte Gabe, eine Figur mit wenigen Worten so individuell vorzustellen, daß sie im Gedächtnis haften bleibt und augenblicklich dreidimensional wird. Meinem Freund ist es z.B. nie gelungen, Asko von Orven und Udolf von Görenczy auseinanderzuhalten 😉

Leider liegt nun gerade auf diesen Personen ein enormer Fokus. Orte etwa werden kaum beschrieben, obwohl das zur Abwechslung schön wäre, auch weil die besuchten Landschaften doch recht malerisch sind.

Zum zweiten mag ich dicke Bücher. Ich begleite Geschichten gerne dabei, wie sie sich in einem größeren Rahmen entwickeln. Darum lese ich auch gerne Reihen. Das hat aber nur dann den gewünschten Effekt, wenn die erzählte Handlung auch so lang sein sollte und ich nicht das Gefühl habe, daß weniger hier dann doch mehr gewesen wäre. Ich denke, daß beiden bisher von mir gelesenen Titeln eine Straffung gut getan hätte.

Ich brauche wirklich keine Action oder schnelle Handlung, aber eine langsam voranschreitende Handlung muß auf andere Weise faszinieren, und das schafft „Salzträume“ bei mir nicht. Für meinen Geschmack wird viel zu viel geredet (meist darüber, wie man sich so fühlt), ohne daß wirklich etwas gesagt wird. Stattdessen werden Charakterzüge, Ansichten und ähnliches häufig wiederholt, was gar nicht sein müßte. Das zieht sich gelegentlich unwahrscheinlich in die Länge.

Gerade bei „Salzträume“, das ja nun noch einen zweiten Band hat, fällt auf, daß doch sehr wenig geschieht; der Strang um Charly und den Vampir ist wohl das beste Beispiel: nach einigen Verwicklungen zu Beginn bewegen sich die beiden hunderte von Seiten nur durch den dunklen Berg, ohne daß auch nur die geringste Entwicklung der Situation stattfindet. Stattdessen: Nabelschau der Charaktere, die reden… und reden… und reden, und das auch nicht übermäßig eloquent *seufz*

Wenn man diese Kritikpunkte so formuliert, klingt das möglicherweise ganz schrecklich – gar so negativ ist es aber doch nicht gemeint. Zu sehr mag ich den Hintergrund, und in kleineren Dosen macht das Lesen auch Spaß; nur zu einem subjektiv richtig guten Roman fehlt mir eben so einiges. Natürlich lese ich – mit etwas Abstand – trotzdem weiter. Denn schon in „Salzträume“ habe ich gegenüber dem „Obsidianherz“ stilistische Steigerungen festgestellt (nicht mehr gar so abgehackt) und bevor sich die Handlung so zerfaserte, ging es auch interessant und flotter (da die Personen bereits eingeführt waren) los. Für „Salzträume II“ habe ich also weiterhin Hoffnungen 🙂

„Er hatte sie Charly genannt. Er – oder sie? Sie hatte es nie gewußt. Charlotte von Sandling hatte es als Kind nicht wichtig gefunden zu wissen, welches Geschlecht ihr Freund, ihre Freundin hatte. Manchmal erschien er als Junge, manchmal als Mädchen, je nachdem, was sie spielen wollten.“

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2 Kommentare

  1. Neyasha said,

    Ich bin ja ein großer Fan von Ju Honisch, muss aber sagen, dass mir Salzträume auch zu langatmig war – und mit den Figuren hatte ich da ab und zu auch meine Probleme. Dafür fand ich dann aber „Jenseits des Karussells“ sehr gut, das ist zwar auch lang, aber im Vergleich zu Salzträume tut sich da gefühlt sehr viel mehr (und es wird nicht so viel gelabert).
    Außerdem mochte ich da insgesamt die Figuren mehr. 🙂

  2. Kiya said,

    Bei „Jenseits des Karussells“ bin ich ja noch lange nicht, aber mein Freund hat bereits alle Bände im Regal stehen und gelesen (da stibitze ich sie mir auch immer). Vom „Karussell“ habe ich dadurch auch schon Gutes gehört, ich bin darauf also gespannt. Vielleicht ist die nächste Generation ja auch etwas weniger stereotyp?

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