Thomas Morus: Utopia

September 27, 2012 at 20:57 (gelesen)

Nachdem keine reelle Chance mehr bestand, noch in diesem Jahr „Anathem“ zu beenden (bzw. zu beginnen, denn noch liegen bereits „Cryptonomicon“ und „Quicksilver“ begonnen im Regal…), habe ich mich für das Challenge-Thema „Utopie/Dystopie“ einer meiner Regalleichen erinnert.

Und was könnte für dieses Thema auch besser passen als „Utopia“, nach dem das Genre schließlich benannt ist? Mir war nicht bewußt, wie alt das Buch bereits ist – erstmals 1516 erschienen, kann es bald seinen 500. Geburtstag feiern 🙂 (man hätte anhand des latinisierten Autorennamens möglicherweise darauf kommen können, aber das hat Descartes auch ein Jahrhundert später schließlich noch so gehandhabt).

„Thomas Morus‘ ‚Utopia‘, eine Mischung aus philosophischem Traktat, Gespräch und Erzählung, ist die erste literarische Utopie der Neuzeit und blieb bis ins 20. Jahrhundert für zahlreiche Philosophen und Schriftsteller prägend. Das Buch ist angelegt als Dialog zwischen dem Morus und dem fingierten Raphael Hythlodée. Im ersten Teil werden die korrupten englischen Sozialverhältnisse kritisiert. Im zweiten Teil berichtet Raphael vom Staatsmodell der Insel Utopia, ihrer Gesellschaft, Moral und Religion und dem Leben der Menschen dort. Es ist der Entwurf einer idealen Lebensordnung, die Frieden und Glück für alle Mitglieder der Gemeinschaft sichert.“

Trotz Klassikerstatus muß man sich vor „Utopia“ mitnichten fürchten, denn erstens ist der Band mit 160 Seiten recht schmal und zweitens liest sich der Text (da nicht mehr – wie im Original – Lateinisch ;-)) ziemlich leicht weg. Schließlich ist der Text mehrfach untergliedert: Teil 1 endet auf Seite 57, in Teil 2 finden sich Zwischenüberschriften wie „Von den Magistraten“, „Von den Sklaven“ oder – offenbar unvermeidlich (Morus wurde immerhin heilig gesprochen) – „Von den Religionen Utopias“.

Rhetorisch ist Morus nicht ungeschickt (häufig eingesetzt beispielsweise die Prokatalepsis, die ja auch der Jurist so liebt). Am Ende distanziert sich der Erzähler zur mit glühender Bewunderung vorgetragenen Lobeshymne auf Utopia, womit die tatsächliche Haltung des Autors etwas offen gelassen wird. Wer mag, kann also auch Ironie in den Text lesen.

Der erste Teil ist durch die Form des Disputs dann auch interessant – hier werden zeitgenössische englische Mißstände angeprangert, die uns teilweise noch bekannt vorkommen, teilweise nicht mehr. Insbesondere an der Lebensweise des Adels wird Kritik geübt.

Trotzdem wirkt „Utopia“ für mich insgesamt bestenfalls wie die Puppenstube eines Philosophen, die teils amüsant (so präsentiert sich der brave Utopier seinem künftigen Ehegatten zunächst nackt – ein Pferd kaufe man ja schließlich auch nicht verhüllt…), teils ärgerlich wirkt.

Grund für letzteres ist unter anderem, daß der Text doch sehr merklich vor der Französischen Revolution entstanden ist. Morus argumentiert an jeder menschlichen Natur vorbei, und Individualität gibt es sowieso nicht. Die Bewohner Utopias gibt es nur als Masse, die zahlreichen Regeln wie den folgenden in lemminghaftem Glückseligkeitstaumel folgt:

„Jede Stadt muß sechstausend Familien und jede davon darf nur zehn bis zwölf junge Leute von mannbarem Alter zählen. Die Zahl der Kinder ist nicht vorgeschrieben. Wenn eine Familie über die Zahl hinaus zunimmt, treten die überzähligen Mitglieder in minder zahlreiche Familien. Hat eine Familie mehr Einwohner, als darin wohnen können und dürfen, so füllen die Überzähligen  die Lücken weniger bevölkerter Städte aus.“

Geld und Privateigentum werden als die Wurzel allen Übels identifiziert – um die Eliminierung dieser Schrecklichkeiten baut sich Morus‘ Vision von Utopia herum auf. Das immerhin ist recht interessant, mutet es in den Details doch schon sehr sozialistisch an. Wer dem etwas abgewinnen kann, kann „Utopia“ ja mal einen Blick gönnen.

Mittelalterlich mutet insgesamt die Vorgehensweise an, sich unter dem Deckmäntelchen des „Wir wollen nur euer Bestes“ die haarsträubendsten Dinge auszudenken. Morus versäumt nicht, an passenden Stellen zu erwähnen, daß niemand in Utopia zu etwas gezwungen wird – um im selben Atemzug nachzureichen, daß aber selbstredend jeder mit Basisverstand ausgestattete Utopier niemals abweichend handeln würde. So soll auch eigentlich jede Religion toleriert werden – letztlich geht es dann aber doch nur ums Christentum, und „der größte Teil der Einwohner, welcher zugleich des vernünftigste ist, verwirft jedoch diese Götzendienereien und glaubt an einen einzigen, ewigen, unermeßlichen [usw. usf.] Gott“.

Auch die Verweise auf die antike Philosophie sind zahlreich – mehrfach bedient Morus sich etwa bei Platon, obwohl dieser sich mit weit mehr Gewinn auch heute noch lesen läßt. Ich habe bei Morus, trotz einiger interessanter Anregungen (die Forderung nach weniger und verständlicheren Gesetzen ist heute wohl noch dringlicher als damals), nicht so viel Originalität gefunden, wie ich mir erhofft hatte, und empfehle somit, besser die antiken Philosophen zu lesen oder, wenn es denn zeitgenössisch sein soll, sich den Machiavelli vorzunehmen, mit dem ich weitaus mehr Spaß hatte und der fast zeitgleich geschrieben wurde.

„Diejenigen aber, welche mit größerer Strenge behandelt werden, sind die Eingeborenen; diese betrachtet man als die elendsten unter dem Verbrechern, wert, den übrigen durch eine tiefere Entwürdigung als Beispiel zu dienen. In der Tat hatte man ihnen alle Keime der Tugend eingepflanzt; sie hatten glücklich und gut zu sein gelernt und entschieden sich dennoch für das Verbrechen.“

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6 Kommentare

  1. nebelmade said,

    Eine sehr feine Rezension. Wie es der Zufall so wollte, traf ich bei meiner Suche nach einer Quartalsbestllung auf eine recht schöne, aber teure Utopia-Ausgabe bei der Büchergilde. (Ich hab mich aber doch dagegen entschieden, weil ich in dem kleinen Exemplar von dir etwas reingelesen hatte, und dort auch nicht grenzenlos begeistert war.) Jedenfalls sind die alle gleich = alle glücklich-Setzungen recht verbreitet, selbst bei Marx noch in einer unglaublichen Naivität (auch Platon steht da nicht abseits, der ja auch was gegen Kunst und Kultur als angeblich korrumpierenden Faktoren im Gemeinwesen hat). Francis Bacons Neu-Atlantis ist auch eine recht interessante (weil auch technisch fortgeschrittene) Version eines totalitaristisch-wohlwollenden, von Wissenschaftlern (!) regierten Utopia. Is recht kurz, gibts auch von Reclam – hab ich mal für ein Hauptseminar – „Die Entstehung der Wissensgesellschaft in der Frühen Neuzeit“ – lesen müssen und hab draus meine Seminararbeit gemacht.
    Ich hab mir irgendwann mal vorgenommen, alle wesentlichen Utopias zu lesen, und da gibt es noch Campanellas „Sonnenstaat“. Ist barock; darüber hinaus kann ich nichts sagen.

  2. Kiya said,

    Die Büchergilde hat jetzt übrigens auch die Piroggenpiraten, falls du noch was suchst…

    Ich hatte zuerst mit der Manesse-Ausgabe geliebäugelt und bin jetzt ganz froh, daß ich doch die günstige Anaconda-Ausgabe von Rebuy genommen habe, zumal die auch ganz schön ist.
    Seltsamerweise kenne ich die Utopien eher aus der Germanistik als aus der Philosophie. Auffallend finde ich, daß Morus so als der große Humanist gepriesen wird – vom Text her kann ich da nicht viel finden; vielleicht ja im Kontrast zu den fiesen Kirchenvätern gesehen? 😉

    Wahrscheinlich kann ich insgesamt den moderneren Dystopien etwas mehr abgewinnen (obwohl mich der Francis Bacon vielleicht auch interessieren würde) – ausgenommen natürlich die aktuellen Teenagerschmonzetten, die ja auch unter dem Label vermarktet werden. Bei einigen dieserr Bessere-Welt-Utopien kriege ich jedenfalls (davon abgesehen, daß sie dazu neigen, statisch und so leider recht irrelevant zu sein), fürchte ich, Gänsehaut.
    [ http://www.youtube.com/watch?v=N7HNJVnn9Ms&feature=related ;-)]

    Adorno scheint ja auch was zu Utopien gesagt zu haben, bist du darüber schon gestolpert? *kram* Hier gibt’s was kurzes: http://www.youtube.com/watch?v=W5JMLKeH0iw

  3. nebelmade said,

    @1. Link: wieder was gelernt ;). (Kannte die Dead Kennedys vorher noch gar nich.) In so kleinen und wohldosierten Häppchen kannst du mir also derartiges Bildungsgut durchaus servieren…
    @2. Link: Adorno!!!! Jaaaaa! Seine Diktion: Fabelhaft! Wirklich genauso, wie er auch schreibt. (Nein, bin noch nicht drübergefallen; aber die letzte halbe Minute habe ich sinnentsprechend in den Ästhetica auch ebenso gelesen.)

  4. aetzfeder said,

    Oha. Deine Zusammenfassung klingt tatsächlich nicht nach einem erstrebenswerten Gesellschaftsentwurf. Wobei ich mich immer wieder frage, wie stark sich das Empfinden der eigenen Person als Individuum im Laufe der Zeit verändert hat. Gab es Zeiten, in denen der Mensch sich tatsächlich mehr als Teil einer Gemeinschaft empfunden hat als heute, oder wird der Punkt, daß es so sei, immer nur betont weil das doofe Volk eben nicht diesem Ideal entsprechen wollte?
    Der Gedanke, Familienmitglieder einfach austauschen zu wollen, ist gruselig. Andererseits habe ich mal, weiß nicht mehr wo, gelesen und finde es auch plausibel, daß die emotionale Beziehung von Eltern gerade zu jüngeren Kindern selbst im 19. Jahrhundert noch weniger eng war als heute, hat man doch die Hälfte davon in der Regel früh wieder verloren. Da ist persönliche Distanz einfach Selbstschutz. Es mag also sein, daß einige Gedanken, die wir heute seltsam oder abwegig finden, es für die Zeitgenossen nicht oder nicht in dem Maße waren (was wir allerdings nie tatsächlich wissen werden). Man muß sich nur über die Leute wundern, die solche Entwürfe heute noch für erstrebenswert halten.
    Sehr passend zur Zeit finde ich auch den letzten zitierten Absatz über Ureinwohner.

  5. Kiya said,

    Eben deshalb habe ich betont, daß der Text merklich vor der Französischen Revolution verfaßt wurde 🙂 Ich habe ja zu Identität in der Antike sogar mal ein Referat gehalten und meine mich zu erinnern, daß sich anfangs das Bewußtsein „ich bin verschieden von der Natur“ überhaupt erstmal durchsetzen mußte… – also ja, das Individualitätsempfinden hat sich auf jeden Fall geändert!
    Was ich mich beim Lesen auch gefragt habe ist, wie solche Entwürfe in den asiatischen Ländern aufgefaßt werden, die sich ja viel mehr als Gemeinschaftswesen verstehen als z.B. wir Europäer.

    Insofern: sicherlich entspringt einiges der Zeit, was es verständlich macht, aber ich habe beim Lesen und Rezensieren noch mehr im Blick gehabt, ob ich das heute noch gewinnbringend lesen kann, und das war nicht so richtig der Fall.
    Allerdings war ich auch besonders enttäuscht, weil meiner Erfahrung nach eben viele gerade der philosophischeren Texte auch aus der Antike noch gut les- und anwendbar sind. Das Mittelalter ist da eben mal wieder so ein Loch, und vielleicht hat Morus sich noch so ein bißchen am Rand dieses Loches festgehalten 😉

  6. nebelmade said,

    Naja, die Antike ist da unbekümmerter und moralin- und christentumsfreier… die spekulieren eben sehr konsequent drauflos, und sehen dann, wo es hinführt. (Wegen dieser Unbefangenheit mag ich die Antike ja auch so.)
    Was das Identitäts- bzw. Kollektivitätsproblem angeht: vielleicht liegt es auch daran, dass der Gedanke natürlicher Menschenrechte des Einzelnen (also unabhängig von einer Gesellschaft, innerhalb sich deren Mitglieder diese Rechte geben und zusichern), erst relativ spät in voller Konsequenz durchdrang. (Selbst die Versuche der Errichtung kommunistischer Herrschaften waren – unter anderem – auch von diesem naiven Glauben getragen, und das war im 20. Jahrhundert.) Und wenn es faktisch tatsächlich so ist, dass vor allem die Gemeinschaft Schutz und Rechte garantiert, dann neigt man eben dazu, ihr auch gerne weiterführendes persönliches Glück zuzuschreiben. (Das war sogar in der Antike noch so – schlagendstes Beispiel die Polisdemokratie, in der der Staat die absolute Verfügungsgewalt über die Bürger hatte und auch sehr radikal über deren rechtlichen Status vom rechtlosen Sklaven bis zum politisch recht souveränen Vollbürger entschied.)
    Es spielt sicher auch eine Rolle, dass die Herrscher stets als Individuen, die sich willentlich von der Staatsbevölkerung (die als Masse figurierte) abgegrenzt haben, gesehen wurden, und in jeder zumindest teilweise antimonarchistisch gerichteten Haltung die Individualität eben um dieses Heraushebens willen daher diesen Beigeschmack des Abzulehnenden hatte. (Wobei man noch schauen könnte, inwiefern diese ganzen frühneuzeitlichen utopistischen Traktate tatsächlich antimonarchistisch sind, denn recht egalitär organisierten Massengesellschaften stehen dort regelmäßig diktatorische Oligarchien von „Wissenden“ jeglicher Coleur vor.)
    (Ich find das grad sehr amüsant, dass sich hier so eine philosophische Diskussion entspinnt ;).)

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