Pip Ballantine/Tee Morris: Das Zeichen des Phönix

August 7, 2012 at 21:59 (gelesen)

„Ein bedrohlicher Schatten liegt über London. An den Ufern der Themse werden blutleere Leichen angeschwemmt. Eliza Braun, furchtlose Agentin der Krone, deren Markenzeichen ein kugelsicheres Korsett und eine besondere Vorliebe für Dynamit sind, nimmt die Ermittlungen auf. Ihr zur Seite steht der Archivar Wellington Books. Gemeinsam kommen sie einer dunklen Bruderschaft auf die Spur, die ganz Großbritannien unterjochen will.“

Der erste Teil der Reihe „Books & Braun“ spielt ganz (steampunk-)klassisch im viktorianischen London. Dort arbeiten die Protagonisten für das Ministerium für Eigenartige Vorkommnisse. Ich mag Wellingtons Archiv und die verschiedenen technischen Gerätschaften und Spielereien, die sowohl dort als auch im sonstigen Verlauf des Buches auftauchen. Ich mag das ganze Setting und die Geschichte um die blutleeren Leichen, Elizas ehemaligen Partner, der seinen Verstand verloren hat, und die Suche danach, was hinter all dem steckt. „Das Zeichen des Phönix“ liest sich gut, ist amüsant und temporeich und weist nebenbei auch sehr nette Kapitelüberschriften auf 😉

Soweit so gut also. Trotzdem ist der Funke nicht ganz übergesprungen, obwohl ich zu Beginn sehr angetan war. Mein größtes Problem: ich mag Eliza nicht besonders. Sie ist eine dieser typischen rebellischen gutaussehenden Frauen, die ganz toll kämpfen können. Ich finde sowohl ihr kugelsicheres Korsett als auch ihre Tändelei mit Wellington eher albern (und letztere sehr aufgesetzt) und bin auch nicht daran interessiert, alle paar Seiten wieder auf ihre körperlichen Vorzüge hingewiesen zu werden. Eliza ist in jeder Hinsicht modern, der Charakter könnte genauso in jedem heute spielenden Roman auftauchen – das finde ich schade, zumal man von dieser Sorte eigentlich schon genug gelesen hat.

Sowohl Eliza als auch Wellington sind allerdings, das gestehe ich gerne zu, gut ausgearbeitet. Beide Protagonisten haben eine Vergangenheit und noch diverse Geheimnisse, die vermutlich in späteren Bänden angesprochen werden. Wellington lag mir eher, aber auch Eliza hat ein paar gute Momente (wenn sie einmal nicht versucht jemanden auf ihre Oberweite aufmerksam zu machen).

Vielen Elementen ist man so oder so ähnlich schon in anderen Büchern begegnet, besonders wenn dies nicht der erste Steampunk-Roman ist, den man sich zu Gemüte führt. Das betrifft nicht nur den ganzen Rahmen (auch wenn nicht viel Viktorianisches dabei ist – vermutlich wurden Ort und Zeit gewählt, weil sie so beliebt sind), sondern auch die Gegner und ihre Motivation. Die Hinweise, die zu Beginn eingebaut wurden und mich wirklich neugierig gemacht haben (unter anderem eine verborgene Spielkarte), ließen mich auf etwas mehr hoffen.

Gegen Ende sind die beiden für ein Wochenende mitten in der Höhle des Löwen, was eine schöne Idee ist und am Ende im Showdown mündet, aber bis zu diesem Zeitpunkt doch sehr in die Länge gezogen ist, ohne daß wirklich etwas vorwärts geht. Das Ende läßt einige Fäden offen die noch zu klären sind, und auch über das Ministerium wissen wir eigentlich noch nicht besonders viel – diese Anknüpfungspunkte bei Plot und Charakteren erhalten jedenfalls mein Interesse.

Zwischendurch habe ich Lust bekommen, mich weiter Gail Carrigers Alexia-Romanen zu widmen und habe dafür „Das Zeichen des Phönix“ für eine Weile unterbrochen – und ja, Alexia gefällt mir deutlich besser 😉 Ich denke allerdings auch, daß das Duo Books & Braun sein Potential noch nicht ausgeschöpft hat, und werde nach dem im Winter erscheinenden Nachfolger Ausschau halten (wenn auch mit nicht zu hohen Erwartungen).

„Die Waffe hüpfte in Wellingtons Händen, als käme sie direkt aus dem Schmiedefeuer. Sofort warf er sie wieder zurück. Mit dem Lauf voran. ‚Verdammt‘, keuchte sie und drehte die Mündung von sich weg.

‚Madam, ich bin nicht ohne Grund Archivar!‘ ‚Ich brauche einen zweiten Schützen, Books! Was zum Henker soll ich hier unten mit einem Bibliothekar?‘ ‚Archivar!‚ korrigierte er empört.“

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5 Kommentare

  1. irina said,

    Oh, jetzt bin ich aber sehr unsicher, was das Buch angeht – sooo sensationell wie angenommen klingt es doch nicht. Mein Interesse ist zwar immer noch vorhanden, aber es ist nicht mehr so drängend wie zuvor. Ich glaube, ich übe mich in Geduld und sammel das Buch irgendwann mal günstig bei Buchticket oder Ebay ein.

  2. Kiya said,

    Eigentlich alle Rezensionen, die mir sonst untergekommen sind, waren sehr positiv, also habe ich vielleicht auch einfach einen eigentümlichen Geschmack 😉
    Ich könnte mir z.B. vorstellen, daß einer der Punkte, die mich gestört haben – die Flirterei zwischen den Protagonisten, die ich irgendwie unpassend fand – dir nichts ausmacht.

    Hast du schon in eine Leseprobe reingelesen? Ich habe gestern auch mal ins Englische einen Blick geworfen – ich glaube, die Dialoge verlieren wieder einiges in der Übersetzung, aber ich finde die deutsche Ausgabe davon abgesehen recht schön.

  3. Winterkatze said,

    Hm, ich bleibe trotz deiner Kritikpunkte neugierig und hoffe, dass der Roman bei mir auch noch eintreffen wird. 😀

  4. Kiya said,

    Ja, mach das, ich bin gespannt, was du dann dazu sagst 🙂 Ich möchte auch nicht abraten – insgesamt war das Buch ja schon gut zu lesen und einige Dialoge sind auf jeden Fall amüsant.

  5. irina said,

    Ich will das Buch ja immer noch lesen – nur hab ichs eben nicht mehr ganz so eilig, sondern kann ein Schnäppchen abwarten! 🙂

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