Monika Feth: Der Erdbeerpflücker

August 6, 2012 at 09:59 (gelesen)

Das ist eine Buchladenentdeckung von mir – davon gibt es nicht so viele; meist weiß ich schon, was ich kaufen möchte, oder bestelle ohnehin im Internet. Wenn ich aber mal etwas im Laden entdecke, dann hat es den Vorteil, daß ich es ohne jedes Vorurteil zu lesen beginnen kann. 🙂 „Der Erdbeerpflücker“ ist mir aufgefallen, weil die Reihe (denn es gibt noch vier Folgebände, wie ich dann festgestellt habe) vor kurzem neu aufgelegt wurde, und zwar in diesem Pocket-Format, das ich sehr mag (außerdem paßt es ganz prima in die Handtasche).

Und darum geht’s in meinem Spontankauf (der Klappentext verrät allerdings trotz seiner Kürze schon ziemlich viel):

„Als ihre Freundin ermordet wird, schwört Jette öffentlich Rache – und macht den Mörder damit auf sich aufmerksam. Er nähert sich Jette als Freund, und sie verliebt sich in ihn, ohne zu ahnen, mit wem sie es in Wahrheit zu tun hat.“

Zunächst mal hat die Atmosphäre perfekt zum schwülen Wetter gepaßt: es ist drückend heiß im Buch, zu warm eigentlich für Juli. Die Sommerhitze ist spürbar, durchzogen vom Duft der Erdbeeren, die von Saisonpflückern geerntet werden. Selbige sind, wie der Titel nahelegt, noch wichtig, denn einer der Pflücker ist der Mörder. Das ist interessanterweise kein Spoiler, denn dieser Umstand ist von Anfang an bekannt.

Das hat etwas mit den Erzählperspektiven zu tun – die kurzen Abschnitte werden von wechselnden Personen erzählt und eine davon ist eben Georg, der Mann, der Jettes Freundin tötet. Der Leser kann damit seine Beweggründe und Schritte von Anfang an mitverfolgen. Nur Jettes Kapitel sind in Ichform geschrieben, alle weiteren sind in der dritten Person erzählt. Das könnte alles etwas konfus werden, aber ich habe immer gewußt, wer an der Reihe ist, und keine Schwierigkeiten gehabt. Außerdem ist mir so eine ungewöhnliche Perspektivenmischung bisher nicht begegnet, was mir gefallen hat.

Gegen Ende wird die Spannung erhöht, indem die Erzählabschnitte immer kürzer werden und schnell besonders zwischen Jette und Georg hin- und herwechseln. Das Stilmittel ist natürlich nicht neu, aber gelungen. Jette ist übrigens bereits volljährig, auch wenn sie noch Schülerin ist. Dieses Alter wird für Jugendromane selten genutzt (die ewigen 16jährigen… ;-)) und ist insofern mal eine nette Abwechslung. Die Sprache ist nicht kompliziert und nutzt kurze Sätze, entfaltet aber eine gewisse Poesie.

Das Buch wird als Thriller vermarktet, und was das angeht, bin ich etwas zwiegespalten. Ich kann Thrillerelemente erkennen (etwa dahingehend, daß die „Ermittlerin“ selbst in Gefahr gerät), aber ich kann verstehen, daß das Etikett in einigen Lesern falsche Vorstellungen weckt. Eigentlich ist „Der Erdbeerpflücker“ nämlich sehr ruhig erzählt, nimmt sich viel Zeit für Nebensächlichkeiten und das alltägliche Leben nicht nur Jettes, sondern auch ihres Umfeldes: neben ihren Mitbewohnerinnen Caro und Merle sind da z.B. ihre Mutter und deren Freund sowie ein Polizist. Dadurch wird natürlich nicht immer die Handlung vorangetrieben, wer also einen rasanten, blutigen Vertreter der Thriller-Sparte sucht, wird mit dem „Erdbeerpflücker“ nicht glücklich werden.

Für mich sind die Personen dadurch aber lebendig geworden. Sie haben eine Vergangenheit und eine Zukunft, sind nicht nur für diesen einen Mordfall da – so jedenfalls fühlt es sich an. Ich möchte wissen, wie es ihnen in der Zukunft ergeht, und habe gerade deshalb einige weitere Teile der Reihe gekauft.

Soweit ist „Der Erdbeerpflücker“ ein schönes kleines Buch, wenn auch sicherlich nicht der typische Thriller, mit dem ich ein paar angenehme Lesestunden verbringen konnte. Ein bißchen geärgert habe ich mich allerdings über eine zeitweise gewaltige Naivität Jettes, die nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, daß ihr neuer Freund der Mörder sein könnte, obwohl schon einige Indizien in seine Richtung deuten. Rettungslose Verliebtheit auf den ersten Blick reicht mir da einfach nicht als Motivation aus.

„Es war einer dieser Tage, an denen man die Hitze riechen konnte. Die von der Sonne verbrannte Haut. Den Schweiß, der aus sämtlichen Poren trat, sobald man sich bewegte. Einer dieser Tage, die ihn kribbelig machten und gereizt. An denen man ihm besser nicht in die Quere kam.“

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6 Kommentare

  1. Winterkatze said,

    Du hast mich jetzt so neugierig gemacht, dass ich mir das Buch in der Bibliothek vorgemerkt habe. 😀

  2. Kiya said,

    Das freut mich 🙂 Ich wünsche frohe Lesestunden (momentan ist das Wetter – wenigstens hier bei mir – nicht mehr ganz so passend, aber vielleicht wird das ja, bis du das Buch bekommst).

  3. Winterkatze said,

    Bei uns ist es heute warm und sonnig, aber noch steht das Buch nur auf der Vormerkliste – scheint gerade sehr begehrt zu sein. *g*

    Wenn ich aber erst einmal eine Geschichte packt, dann stört mich das Wetter nicht. Ich lese auch gerade immer wieder in einer Biografie über eine Frau, die ihren Mann bei seinen Arktisreisen begleitete. 😀

  4. Kiya said,

    Nein, mich stört das Wetter auch nicht wirklich, aber es kann trotzdem ein Bonus sein, wenn Stimmung im Buch und Wetter besonders gut zusammenpassen.
    Ich habe jetzt z.B. mit Thomas Finns „Weißer Schrecken“ begonnen und das ist schon immer etwas irritierend, wenn es im Buch schneit und draußen die Leute Eis essen 😉

  5. Winterkatze said,

    Oh, da bin ich gespannt wie es dir gefällt! Gerade bezüglich des Endes und der … hm … Auflösung hätte ich gern eine Aussage von dir!

    Du musst ja nicht rausgucken und den Leuten beim Eisessen zugucken, während du liest! *g*

  6. nachgebloggt said,

    In dem Thriller geht es natürlich auch um die tiefe Verbundenheit zwischen Freundinnen, die auch nach dem Tod erhalten bleibt, um die Gefühle einer ersten großen Liebe und den ganzen Alltagsproblemen, mit denen sich junge Menschen so rumschlagen. Die Figuren alle sehr sympathisch dargestellt und durch schnell wechselnden Szenen kann man sich in jeden gut hineinversetzen. Ein Buch für alle Altersgruppen.

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