Andreas Dresen: Ava und die STADT des schwarzen Engels

Juli 2, 2012 at 08:47 (gelesen)

Dies ist wieder einmal ein Buch, auf das ich durch den erscheinenden Nachfolger aufmerksam geworden bin – mit Engeln habe ich es nämlich eigentlich nicht so. Glücklicherweise ist der Engel hier nicht von der Schmachtsorte 😉

„Ein Golem mitten in der Stadt, am helllichten Tag – Fahrat traut seinen Augen nicht. Normale Menschen können das Lehm-Wesen nicht sehen, aber selbst für den jungen Schwertler ist das ein besorgniserregender Anblick. Obwohl er normalerweise einen guten Wein jedem Abenteuer vorzieht, folgt er dem Ungeheuer. Und stößt auf Ava. Die junge Frau ist offenbar ein gewöhnlicher Mensch. Aber verstört behauptet sie, ein schwarzer Engel habe ihre neugeborenen Zwillinge geraubt. Doch was sollte ausgerechnet Morton, Vizekanzler des STADTrates und Veranstalter des Hexensabbats, mit zwei Menschenkindern anfangen? Haben die Vorfälle etwas mit dem Grauen zu tun, das außerhalb der STADT lauert?
Fahrats Gutmütigkeit und sein Schwertler-Stolz lassen ihn nicht mehr von Avas Seite weichen. Doch bald weiß der junge Abenteurer nicht mehr, für wen sich eine neue Welt auftut – für die Menschenfrau Ava, die auf der Suche nach ihren Kindern fluchenden Hexen, LKW-Chimären und lauernden Waldwürgern begegnet – oder für Fahrat, dessen Welt nicht die zu sein scheint, für die er sie immer gehalten hat.“

Ich habe eine besondere Vorliebe für Phantastik, die Städte thematisiert. Besonders schön tut das generell China Miéville, etwa in diesem bereits kurz von mir vorgestellten Buch, mit dem auch „Ava“ bereits von einem Amazon-Rezensenten verglichen wurde.

Der Vergleich ist tatsächlich naheliegend, da in beiden Fällen eine Parallelstadt etabliert wird, die von bestimmten Personengruppen nicht wahrgenommen wird. Die Unterschiede zwischen den Titeln wiegen – finde ich – dann aber doch schwerer als die Gemeinsamkeiten.

Miéville hat einen eigenwilligen Stil und spielt mit Sprache; Dresens Sprache fällt besonders durch den Mut zur Kürze auf, er drückt sich prägnant und direkt aus – und zeigt, daß es sehr wohl möglich ist, auf weniger als 200 Seiten eine Fantasy-Geschichte zu erzählen (was insbesondere von Lesern bezweifelt wird, die wohl nie gute Kurzgeschichten oder Novellen vor die Nase bekommen haben). Ich finde das erfrischend und lobenswert, auch wenn ich denke, daß etwas weniger kurz nicht geschadet hätte: „Ava“ wirkt nicht ganz rund und ein wenig episodenhaft – etwas mehr Füllmaterial hätte Plot und Charakteren gut getan. So entstand gelegentlich der Eindruck, daß Stellen fehlen, die ich gerne gelesen hätte.

Ava, Fahrat und die anderen sind für mich quasi halblebendig geworden. In Anbetracht der geringeren Seitenzahl sind sie nicht schlecht ausgearbeitet und wurden mit Hintergrund versehen, aber ich hoffe auf noch etwas mehr Tiefe im Nachfolger.

Dresen hat zahlreiche Ideen, die mir sehr gut gefallen. So mag ich das Konzept der (Haus-)Götter und würde gerne noch mehr davon lesen. Wo allerdings Miévilles Geschichten faszinierend anders, stets mit politischen Untertönen und teilweise beunruhigend sind, ist der Grundplot in „Ava“ in weiten Teilen eine konventionelle Fluchtgeschichte mit Rebellenelementen geworden. Damit wurde Potential verschenkt, das die STADT in meinen Augen jedenfalls hat.

Teil 1 hat einige Schwächen, mir aber insgesamt gefallen. Teil 2 (mit offenbar gestiegener Seitenzahl und erneut ansprechendem Cover) steht nun in den Startlöchern, eventuelle Weiterentwicklung läßt sich also bald erkunden 🙂

Übrigens gibt zu den Büchern auch einen sehr nett gemachten Blog, auf dem man sich einen kleinen Eindruck der STADT-Welt verschaffen kann.

„Fahrat traute seinen Augen nicht. Groß und grau stampfte der lehmige Riese durch die Menge. Mit seinen großen, steifen Armen schob er die Menschen aus seinem Weg. Und die Menschen schienen nichts zu merken. Die Menschen sahen nur das, was sie sehen wollten.“

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2 Kommentare

  1. Katha said,

    Du gibst so ziemlich meinen Eindruck von dem Buch wider, den ich letztes Jahr beim Lesen hatte 🙂 Auf den nächsten Band bin ich schon sehr gespannt! (Auch wenn ich mit dem Kauf noch etwas warten werde, dem SUB zuliebe ;))

    Von Miéville kenne ich bisher noch nichts; habe aber noch ein anderes Buch von ihm auf dem SUB, daher behalte ich mal „The City & the City“ im Hinterkopf, danke für den Tipp!

  2. Kiya said,

    Bei mir wird Band 2 nun „in Kürze“ verschickt… ich hab mir angewöhnt, die Sachen vorzubestellen, weil mir das Nachschauen, ob etwas nun schon erschienen ist oder nicht, auf den Geist ging (mein SuB ist sowieso rettungslos verloren ;-)).

    Ich habe mal auf deinen SuB geschaut 🙂 UnLonDun ist das einzige Jugendbuch von Miéville, das ich kenne. Ich habe es gemocht, fand es aber schwächer als seine anderen Bücher. Am bekanntesten ist vermutlich „Perdido Street Station“, das aber ein ziemlicher Wälzer ist und bei mir auch noch nahezu ungelesen liegt. Sollte mich mal wieder ransetzen, aber zur Zeit bin ich noch mit einer Kurzgeschichtensammlung des Autors beschäftigt.

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