Michael H. Schenk: Die Pferdelords und die Kristallstadt der Zwerge

Januar 9, 2012 at 13:06 (gelesen)

Der Lesemonat steht offenbar zufällig im Zeichen der Zwerge (jetzt müßte ich nur noch meine SuB-Leichen von Markus Heitz abtragen…). Auch hierauf bin ich gestoßen, weil ich zwischendurch ein wenig klassisches Fantasy-Lesefutter ohne Zum-Allgemeinen-Retter-Auserwähltes-Kleines-Sklavenmädchen wollte, und hier habe ich auch das Erwartete bekommen. Bei der (inzwischen mehr als acht Bände umfassenden) Reihe von Michael H. Schenk schwanke ich allerdings immer wieder zwischen Ärger und Lesefreude, deshalb an dieser Stelle ein paar Gedanken dazu.

Zunächst mal der Klappentext zur Handlung: „Die grüne Kristallstadt der Zwerge ist von den Orks überrannt und die wundersame Kristallaxt, das Zeichen der Königswürde und der Schlüssel zur Stadt, geraubt worden. Jetzt stehen die Zwerge unter der Knechtschaft der Orks und ihre einzige Hoffnung ruht auf dem Zwergenkönig und seiner Begleitung, die in letzter Minute entkommen konnten. Schwer verwundet erreicht der Zwergenkönig das Land der Pferdelord und bittet dort Garodem, den Pferdefürsten der Hochmark, und seine Pferdelords um Hilfe – doch die Zeit drängt, denn die Zahl der Feinde wächst unermüdlich und schon künden in der Ferne mächtige Staubwolken vom Herannahen weiterer Orks…“

Nachdem der erste Teil der Reihe um die Pferdelords (den Namen werde ich wohl nie mögen) sich wenig einfallsreich dem „Sturm der Orks“ widmete und dieser zweite Teil der „Kristallstadt der Zwerge“, freue ich mich eigentlich vor allem auf die nachfolgenden Bände, die sich jeweils ein anderes Volk vornehmen und damit hoffentlich noch etwas an Profil gewinnen.

Orks und Zwerge? Vielleicht sogar Reiter von Rohan? Tja, es gibt noch deutlich mehr Aspekte, die an Tolkien erinnern, und damit sind wir gleich beim üblichen Hauptargument gegen den Autor, daß nämlich seine Pferdelords eine bloße „Herr der Ringe“-Kopie seien. So viel ich auch ansonsten auszusetzen habe,  ganz treffend finde ich diesen Vorwurf tatsächlich nicht. Dahingehend verhält sich Schenk zu Tolkien etwa so wie Marzi zu Gaiman: bestimmte Motive werden verwendet (und ja, durchaus nachgeahmt), aber die entstandene Geschichte unterscheidet sich in Bezug auf etwa Anliegen und Stimmung sehr stark vom Vorbild.

Ich merke immer wieder, daß Schenk primär die Tolkien-Verfilmungen kennt, nicht die Bücher. So finden sich stilistisch nicht einmal Anklänge an die Verwendung von Sprache im „Herrn der Ringe“, und epische Strukturen gibt es in den Pferdelords schon gar nicht. Stattdessen sind ganz besonders die Dialoge sehr mühsam und teils unfreiwillig komisch. Es gelingt Schenk, einen eigenen altertümlichen Tonfall zu entwickeln, der aber manchmal doch ins Lächerliche umschlägt. Viel zu häufig sind krude Formulierungen wie: „Ah, gute Frau XY – ah, guter Herr Pferdelord!“ Ich bin für Pathos wenig empfänglich und empfand bei Dingen wie dem Schwur der Pferdelords wirklich geradezu Schmerzen. Beschreibungen sind deutlich besser gelungen, aber bisweilen etwas technisch, was mich nicht gestört hat, aber vielleicht nicht jedem zusagt. Davon abgesehen gibt es aber auch wirklich unterhaltsame Szenen, kommt beim Lesen auch durchaus Spannung auf, und die mit bisher ca. 600 Seiten relativ umfangreichen Bände lassen sich gut weglesen.

Trotzdem bleibt der Fakt, daß sich die Pferdelords zumindest in ihren Anfängen an den tolkienschen Erfolg anzuhängen versuchten. Was mich immer noch bei der Stange hält, ist folgendes:

Zunächst mal hoffe ich auf Besserung. Der dritte Band befaßt sich mit einem Wüstenvolk und bietet damit schon Möglichkeiten, neue Pfade zu beschreiten. Das könnte besonders deshalb der Fall sein, weil Schenk einem detaillierten Hintergrund ganz besonders viel Aufmerksamkeit widmet. Gerätschaften und Vorgänge sind teilweise sehr ausführlich und interessant wiedergegeben, und zu Themen wie Heilkunde und Kriegskunst konnte ich auch einiges mitnehmen, das ich vorher so nicht wußte. Das bringt mit sich, daß auch Gegner wie die Orks auf Dauer eigentlich nicht ganz gesichtslos bleiben können. Schon jetzt baut der Autor interessante Ideen ein – etwa eine Art Sonnenbrille für die lichtempfindlichen Kämpfer der Orks. Es könnte also sein, daß die anfänglichen Klischees à la „Dunkler Lord und seine Schergen“ in den nächsten Bänden noch aufgebrochen werden. Die Charaktere sind noch nicht übermäßg interessant, aber sie folgen einer Geschichte und entwickeln sich nach und nach.

Zwei gegenläufige Bemühungen bringen leider unbefriedigende Ergebnisse. Dem Drang zu Plausibilität folgend sind die Siedlungen klein und bringen entsprechend wenig Kämpfer hervor. Dem gegenüber stehen beständige Scharmützel und ausschweifend geschilderte Kämpfe, bei denen natürlich auch Verluste zu beklagen sind. Das grundsätzlich lobenswerte Anliegen resultiert nun darin, daß fortwährend die Pferdelords und ihre Verwandten so zahlreich sterben, daß das Land eigentlich kaum noch Bewohner haben dürfte 😉

Äußerst gemischte Eindrücke also. Es bleibt abzuwarten, wohin die Reise geht. Ich habe noch ein paar weitere Bände im Regal und verspreche mir davon immerhin ganz gut unterhalten zu werden, so wie es bei Band 1 und 2 auch funktioniert hat. Einige Inspirationen kann ich bestimmt mitnehmen, und im günstigsten Fall wird die Reihe in Zukunft eigenständiger und bei den Dialogen etwas geschliffener (für ersteres habe ich allerdings größere Hoffnung).

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3 Kommentare

  1. Michael Schenk said,

    Ich habe diesen Beitrag mit viel Freude und zugleich gemischten Gefühlen gelesen, geht es hier doch immerhin um meine Serie der „Pferdelords“.
    Ich freue mich sehr auf die Rezensionen der anderen Abenteuer, denn die Annahme, dass sich Charaktere, Geschichte und Völker noch richtig entwickeln werden, trifft zu. Und, keine Sorge, es entwickelt sich eine völlig eigene Welt, in der auch die Dialoge Spaß machen, vor allem dann, wenn verschiedene Völker und Kulturen aufeinander stoßen. Dranbleiben lohnt sich also.
    Liebe Grüße
    Michael H. Schenk

  2. Kiya said,

    Vielen Dank für deinen Beitrag, ein Feedback vom Autor ist doch etwas Besonderes 🙂 Ich hoffe, daß auch meine erwähnten Kritikpunkte nachvollziehbar waren (manches sind ja auch einfach Geschmacksfragen) – aber dranbleiben werde ich auf jeden Fall, schließlich bin ich auf die noch kommenden Völker gespannt.

    Übrigens habe ich schon in einigen Foren festgestellt, wie viel Kontakt du zu deinen Lesern suchst – großes Lob dafür, nicht jeder Autor setzt sich so bereitwillig mit Lob wie Kritik der Leser auseinander!

  3. Michael Schenk said,

    Natürlich mag ich es, wenn man mich lobt :-), aber die Kritik am Anfang der „Pferdelord“-Reihe hat mir entscheidend geholfen, meinen Stil und die Sprache zu verbessern. Letztlich konnte ich dadurch die meisten Kritiker überzeugen und zu festen Lesern machen. Noch ein Hinweis: Mein Roman „Zwerge der Meere“ handelt zwar vor dem Hintergrund der „Pferdelords“, ist aber eine eigenständige und wohl auch ungewöhnliche Zwergengeschichte. Wenn du magst, sende mir eine Mail mit einer postalischen Lieferanschrift und ich schicke dir ein Rezensionsexemplar.
    Im Übrigen kann ich deine Kritikpunkte gut nachvollziehen, und freue mich, dass du fair abwägst. Daher bin ich sehr gespannt auf deine weitere Meinung.

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