Historische Woche

Juni 22, 2011 at 11:22 (gelesen)

In den letzten Tagen habe ich zwei Bücher historischen Inhalts beendet, die schon eine Weile auf dem SuB warteten (beide noch 2010 gekauft).

Ken Follett: Die Säulen der Erde

Nachdem irgendwie jeder außer mir das Buch bereits gelesen hat und die Verfilmung vor der Tür stand, nahm ich mir „Die Säulen der Erde“ auch einmal vor. Ich mag es nämlich nicht, den Film zu sehen, bevor ich das Buch gelesen habe.

Das Mittelalter ist eigentlich nicht meine Zeit, aber immerhin habe ich schon ein paar ansprechende Titel, die in besagter Epoche spielen, gelesen (Umberto Ecos „Der Name der Rose“ und Noah Gordons „Der Medicus“ – ja, bei Mittelalterromanen von Frauen werde ich eher skeptisch ;-)).

Die Säulen der Erde nun also. Mein erster Versuch mit diesem Autor und, soviel sei schon gesagt, ich glaube, daß ich nicht unbedingt noch mehr von ihm lesen möchte.

Darum geht’s laut Klappentext: „England 1123-1173. Es ist eine Zeit blutiger Auseinandersetzungen zwischen Adel, Klerus und einfachem Volk, das unter Ausbeutung und Not leidet. Philip, der junge Prior von Kingsbridge, träumt davon, eine Kathedrale zu erreichten. Er und sein Baumeister Tom Builder, dessen Stiefsohn Jack und die Grafentochter Aliena müssen sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen ihre Widersacher behaupten, ehe der Traum Gestalt annimmt und die Säulen der Erde buchstäblich in den Himmel zu wachsen beginnen…“

In einem englischen Vorwort hat Ken Follett betont, daß der Roman zu Unterhaltungszwecken geschrieben wurde. Das merkt man auch schnell. Ein buntes Potpourri aus zahlreichen Personen, die sich ziemlich eindeutig in Freund und Feind gruppieren, die sich leidenschaftlich lieben, hassen und ihre Ziele verfolgen, erwartet den Leser. Im Mittelpunkt dieses Beziehungs- und Familiengeflechtes steht der Bau der Kathedrale. Dadurch kommen ein paar architektonische Details aus dem Übergang von Romanik zur Gotik ins Spiel. Mir hat das gefallen, den einen oder anderen mag es ermüden – allzu viel Raum nimmt dieser Aspekt aber nicht ein, man kann das also auch ignorieren. Ansonsten kommt der Grundkonflikt Staat versus Kirche immer mal durch.

Die 1300 Seiten fliegen wirklich nur so dahin. Follett gelingt es, Spannung zu erzeugen und die Personen lebendig werden zu lassen. Lebensumstände und Orte konnte ich mir gut vorstellen. Die erzählte Geschichte hat kaum Längen und funktioniert für mich gut, solange man an die Komplexität keine zu großen Anforderungen stellt. Die Charaktere empfand ich als etwas einseitig, sie treten entweder als fürchterlich böse und hassenswert oder als überirdisch gut auf – daran ändert sich auch nichts. Das Grundschema der Handlung ist, daß die Bösen einen Streich gegen die Guten planen, denen darauhin Schlimmes widerfährt, was sich im Folgenden allerdings zum Guten wenden wird, woraufhin ein neuer Streich der Bösen stattfindet.

Insgesamt habe ich „Die Säulen der Erde“ gerne gelesen, aber da das, was mich stört, nämlich zu schematische Konstellationen, offenbar auch in Folletts anderen Büchern auftaucht, wird es vermutlich mein einziges Buch von diesem Autor bleiben.

Jenny Glanfield: Hotel Quadriga

Das zweite Buch ist kein so bekannter Bestseller wie „Die Säulen der Erde“ und führt in eine ganz andere Epoche und an einen anderen Ort:

„Vor der glanzvollen Fassade des Hotels Quadriga am Brandenburger Tor spielt sich das wechselvolle Leben der Hoteliersfamilie Jochum ab. Der erste Teil der Romantrilogie handelt von den Anfängen 1870, dem Bau des Hotels, den Bällen, Künstlerfesten und Skandalen der Kaiserzeit, den Tragödien des Ersten Weltkriegs, den goldenen zwanziger Jahren und von den politischen Wirren bis zu Hitlers Machtergreifung 1933.“

Der zweite Teil, „Viktoria“, befaßt sich übrigens mit der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), der dritte Teil, „Viktorias Erbe“, endet 1989.

Ab und an habe ich bei dem Buch einen Stammbaum vermißt – man begleitet zwischen 1871 und 1933 mehrere Generationen der weitverzweigten Familie Jochum sowie deren Freunde und Bekannte. Da kommt eine große Anzahl von Personen zusammen. Ich habe versucht, das Buch schnell zu lesen, denn wenn man es eine Weile liegen läßt, muß man bestimmt hin und wieder überlegen, wer nun wessen Kind war. Wie die Kathedrale das Zentrum der „Säulen der Erde“ ist, dreht sich hier alles um das titelgebende Hotel Quadriga, dessen Vorbild das Hotel Adlon war.

Der Roman beginnt mit Karl Jochum, der von einem eigenen Café träumt, in dem einmal der Kaiser zu Besuch sein soll. Das Hotel wird im weiteren Verlauf erst errichtet. Natürlich spielen auch in diesem Buch Beziehungen und Liebeleien eine Rolle, aber ich empfand sie als nicht so zentral wie bei Ken Follett. Hier steht die Darstellung eines Stücks deutscher Geschichte im Vordergrund. Viele aus dem Geschichtsunterricht bekannte Schlagworte vom Dreikaiserjahr bis zur Dolchstoßlegende tauchen auf. Insofern könnte man „Hotel Quadriga“ wahrscheinlich auch gut zur Vorbereitung einer Abiturprüfung lesen. Die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen werden anschaulich klar gemacht.

Die Personen habe ich zwischendurch immer wieder als Typen empfunden, die bestimmte Aspekte der Gesellschaft widerspiegeln sollen. So gibt es unter anderem den Kaisertreuen, den Kapitalisten, die überzeugte Sozialistin, den Piloten, den man in die Schlachten des Ersten Weltkrieges folgt, die Künstlerin für die Szene der 20er Jahre, schließlich die Nationalsozialisten und natürlich auch die Juden. Das Buch vermittelt relativ viel Sachinformation, dafür ist der Stil nicht ganz so gelungen und wirkt ebenfalls eher sachlich.

Die schnell wechselnden gesellschaftlichen und politischen Stimmungen hat Glanfield dennoch gut eingefangen. Am Ende steht Hitler als Reichskanzler. Das ist natürlich eine spannende Stelle, insofern überlege ich gerade, auch das zweite Buch zu lesen.

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4 Kommentare

  1. Neyasha said,

    Ich hab die „Säulen der Erde“ noch relativ am Anfang abgebrochen (bei etwa 100 Seiten). Es war einfach nicht meins, und gerade die einseitigen Figuren haben mich gleich zu Beginn gestört.

  2. kiyaliest said,

    Die meisten scheinen das Buch ja ganz episch und toll zu finden. Kommt wahrscheinlich darauf an, was man so von der Lektüre erwartet. Was ich übrigens auch relativ abschreckend fand, was aber offenbar bei Mittelalterromanen Genre-Konvention ist, sind diese permanenten Vergewaltigungen.

    Naja, ich habe erst mal wieder genug von der Epoche und kehre zurück zu Stephensons „Quicksilver“ – viel origineller geschrieben und eine (für mich) deutlich interessantere Zeit!

  3. BuecherFaehe said,

    Also, mit ein paar Abstrichen klingt dein Leseeindruck eigentlich recht positiv. 🙂 „Die Säulen der Erde“ bleiben also auf meiner Wunschliste bestehen.^^ Ich hatte das Buch schon gefühlte 1000mal in der Hand und bis jetzt noch nicht gekauft. -.- Aber das werde ich definitiv nachholen (irgendwann)! 🙂

  4. Kiya said,

    Schlecht war es auch nicht, kommt eben darauf an, wie sehr einen solche Dinge stören. Für mich hatte es den Effekt, daß es mir eher als Fast Food in Erinnerung geblieben ist 😉
    Kein Vergleich etwa zum oben ebenfalls erwähnten „Der Name der Rose“ – das habe ich gelesen, als ich noch zur Schule ging, und kann ich wirklich sehr empfehlen (auch wenn „Das Foucaultsche Pendel“ noch besser war).

    Nachdem nun 3 Jahre vergangen sind, reizt mich aber doch wieder etwas von Follett, nämlich die Jahrhundertsaga. Die liegt mir auch von der Zeit her mehr… trotzdem erwarte ich nach den Erfahrungen mit „Säulen der Erde“ irgendwie eher eine Art History-Soap 😉

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